Das wars wohl, was ich dachte, als ich einen Schlüssel in der Korridortür hörte. Schritte wurden laut, Stimmen zweier Männer, die sich verabschiedeten, dann kam meine Mutter eilfertig, im Eßzimmer — ich stand grade im Wohnzimmer — ging die Tür auf, meine Mutter kam rückwärts herein, meinen Vater führend, und die fünfzehn Jahre und die Feindschaft waren zu Ende.
Gestalt und Haltung war die gleiche wie damals — er ist groß und stark — aber nun hielt er einen Stock vor sich, und das Gesicht war fast unkenntlich durch die grüne Brille; der Schädel war kahl und blank. Es war einen Augenblick still, und sie sprach wohl so feierlich, um die Worte nur herauszubringen: Vater, dein Sohn ist heute wieder gekommen. Dann setzte sie sich eilig an den Tisch, um zu weinen. —
Gewiß, Kind, dein ‚Sohn‘ sagte sie.
Ich bin auf ihn zugegangen, habe nach seinen Händen gefaßt und glaube wohl gesagt zu haben, was ich sagen wollte: Verzeih mir, Vater. Er sagte: Benvenuto. Und da ist es wohl dies Wort gewesen, das er sich einmal an einem glücklichen Tage ausgedacht hatte, das ihn jetzt übermannte, so daß er den Stock fallen ließ und den umfaßte, der da vor ihm stand, und den Kopf an seine Schulter legte und so krampfhaft schluchzte, daß meine Mutter hastig ihre Augen trocknete und sich erstaunt umsah. Als er ruhig wurde und die Brille abnahm, ergriff sie sie sogleich und trocknete sie im Taschentuch, während ich ihn um den Tisch führte und er sich setzte.
Dann saßen wir alle Drei beisammen und unterhielten uns. Später fing meine Mutter an zu gähnen und ging in ihr Schlafzimmer, um sich für die Nacht zurecht zu machen. Eine Viertelstunde später holte sie meinen Vater.
Nun, wir sprachen diesen Abend wie alte Freunde und Schlachtkameraden miteinander, die vor langer Zeit zusammen Gefechte, Märsche und Strapazen durchgemacht haben, jeden Wink verstehen und alles aus eigener Erinnerung ergänzen. Er ging auf alles ein, fragte, bejahte fand für alles eine Erklärung, fand alles richtig, erzählt kleine Anekdoten und Züge von Bekannten, erinnerte an historische Männer, die ähnliches durchgemacht, — am Ende wurde er stiller, fast bescheiden, tat noch ein paar Fragen, und dann ging er. Nur einmal kam die alte Sorge zum Vorschein, als er fragte, ob ich auch ordentlich verdiente und zu leben hätte. Ich mußte wohl an meine vier Hungerjahre denken, aber die Summen, die mir bevorstehn, konnte ich ihm doch nicht nennen. Der Name des Herzogs genügte auch, um ihn zu beruhigen. Ja, ja, mein Sohn, sagte er, dafür hast du denn auch jahrelang nichts zu brechen und zu beißen gehabt. Dem Verdienste seine Kronen. Ja, mein Junge, dann können wir wohl schlafen gehn. —
Nun sitze ich an seinem Schreibtisch. — Wenn es gar nicht gehen wollte, dann mußte ich hier meine Aufsätze machen, er stand hinter mir und diktierte, und meine Hand zitterte schon, wenn ich mich hinsetzte, und die Gedanken waren wie weggeblasen.
Was aber ist nun die reinliche Summe? Weib und Kind, das kenne ich nicht, ein Haus brauche ich nicht, kaum daß ich einen Freund habe; ich kann hier oder dort schlafen gehn, ich schlafe gut oder schlecht, und es hängt allein von mir ab. Das Geld liegt dann da, mit dem ich als Siebenzehnjähriger klirren wollte. Die Eltern brauchen es nicht, ich brauche es auch nicht. Und alles das, um hundert oder fünfhundert Jahre länger bei Namen genannt zu werden, als die Andern? Sehen Sie, da fiel mir eine Stelle vom Ruhm ein in Platons Gastmahl; ich fand auch eines zwischen den Büchern meines Vaters, aber es war ein griechisches, und ich konnte es nicht mehr lesen. Ja, so verhält es sich mit dem Ruhm.
Es kommt darauf an, daß einer die gegebenen Kräfte verbraucht, wie es in den soldatischen Befehlen heißt: Es wird verfolgt bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Wer das tut, hat meinen Ruhm und kann überall getröstet schlafen gehn.
Meine Mutter ist nun getröstet, und das macht mir Freude, oh, das macht mir Freude. Fünfzehn Jahre zurück höre ich die Stimme meines Vaters, aufgebracht und zornig: Hast du denn gar keinen Ehrgeiz, Junge? — Nein, Vater, kann ich noch heute sagen, und somit wäre alles in Ordnung.