Woher er das wisse.
„Sie hatte vergoldete Ankerknöpfe in den Ärmelaufschlägen.“
Da freute sich der Maler und meinte, er möchte Georgs Augen haben.
„Nun sagen Sie mir eins,“ platzte Georg unvermutet heraus, „können Sie mir das sagen: wann fühlen die Menschen eigentlich? Da haben wir unendlich tiefe Dinge geredet. Wir haben gedacht, nicht wahr. Sie hat gedacht, ich habe gedacht, Sie haben nichts gesagt, aber Sie haben auch gedacht, wir denken alle. Fortwährend denken wir. Den ganzen Tag ist der Mensch beschäftigt, im Beruf oder mit Zeitunglesen und so. Wann fühlen die Menschen? Vielleicht im Theater? Da kritisieren sie. Im Konzert? beim Spazierengehn? vor dem Einschlafen? Ich glaube, sie kritisieren auch da noch. Am Ende fühlen sie nur, wenn sie in Büchern von den Gefühlen andrer Menschen lesen. Oder tun sie’s, wenn sie unglücklich sind?“
Der Maler zog seinen kleinen Bleistift aus der Westentasche und rührte damit in seiner Pfeife wie in einem Milchtopf; dann ließ er etwas Asche in den Aschenbecher fließen.
„Ich weiß es nicht,“ bekannte er schließlich.
„Sie wissen gar nichts!“ rief Georg strahlend, „Bogner, Sie sind ein unbewußter Mensch! Ich möchte das auch können!“
Der Maler schob die Hand in die breite Lederschlinge, die neben ihm hing, und lachte freundlich mit. Georg holte Coras Briefe wieder hervor, um dem Maler eine Stelle zu zeigen. Als er sie gefunden hatte und aufsah, begegnete er Bogners Blick, der aus den großen Augenhöhlen — wie äffisch und vergrämt sie auf einmal aussahen — unbestimmt auf ihn gerichtet schien, so daß er zögerte, etwas zu sagen. Bogner sah wieder fort und zum Fenster hinaus in das Dunkel. Sein Gesicht wurde immer schwerer und ernster, während Georg das Getöse des Zuges plötzlich wieder wahrnahm, das gleichmäßig wiegende Stoßen und Schnaufen. Auf einmal hörte er den Maler sagen:
„Ich bewundere Sie, Georg! Sie haben eine so unerhörte Munterkeit und Willigkeit der Jugend, eine so wunderbare Teilnahme für jeden Menschen, daß Sie sofort bereit sind, sich in jede Unterhaltung über jeden Gegenstand zu werfen, nur um mit dem Andern ins Gemenge zu geraten. Ich kann da gar nicht mitkommen. Sie denken so rapid. Sie sind eine Stromschnelle.“
Er sah ihn an und lächelte kostbar. Georg sagte: „Da hab ichs!“