Nun verbeugte sich Georg, bekam eine federleichte Hand für den Hauch eines Herzschlags zu empfinden, und zu sehn, wie ein zartes Gesicht sich durch ein Lächeln der Mundwinkel und der Augen in solchen Liebreiz verwandelte, daß er hätte schluchzen mögen, und dennoch ertrug er den Blick dieser Augen, die so schwarz waren wie Winternächte. Auf einmal war er dann durch ein Dickicht in einen Garten gelangt.
In seinen Schläfen brannte es und sauste. Er glaubte blind zu sein und sah doch alles, nur alles sonderbar langsam und ohne es zu begreifen. Er gab auch mit leiser Stimme einige Erklärungen über sein Hiersein ab. Wem? Irgend jemand, der in der Nähe sein mußte, doch nun kam etwas dazwischen, ein gewaltig großer Unbekannter, schwarz, der glühende Augen und eine kleine Bartfliege am Kinn hatte und ihm die Hand gab und sagte: „Montfort.“
Annas Stimme schlug an sein Ohr, und er hörte die Worte:
„Hast du von meinem Papa gehört? Es geht ihm nicht gut! Ja, denke dir, er hat einen Schlaganfall gehabt, ganz leicht nur, aber — — und ich soll nicht kommen, er hat extra so telegraphieren lassen, was kann das bedeuten?“
Ja, was konnte das bedeuten? Papa? Was für ein Papa? — Immerhin sagte er irgend etwas und sah auf einmal Annas Hinterkopf mit aufgesteckten Flechten vor sich, der ihm sehr unbekannt vorkam. Sie sagte: „Siehst du nun?“
Plötzlich flammte in der Höhe über ihnen ein Licht so grell auf, daß er die Augen zukneifen mußte. Nun war es unglaubhaft hell.
„Richtig,“ sagte er, „der Mozartkopf ist ja weg!“ Darum sah sie wohl so verändert aus.
Ja, es war ein Garten. Buschwerk und hohe Bäume überall. Georg bemerkte, daß er auf einem Wege stand, der rund um einen großen, kreisförmigen Rasen führte. Drüben war das Haus, grau, mit einigen hellen Fenstern, davor eine Veranda mit breiter Treppe in der Mitte. Es war ganz still. In den Lüften oben rauschten Blätter.
Rechts dicht neben ihm stand wirklich Anna. Ihr Gesicht, wie er es nun von der Seite sah, schien schmaler, die Stirn dagegen breiter geworden, und etwas fehlte ganz gegen früher; was, wußte er nicht. Wohin sah sie denn? Ah, da standen die Beiden!
Ein paar Schritte voneinander entfernt standen sie Beide so, daß Georg sie fast von Rücken sah, Bogner etwas breitbeinig, die Hände hinter sich, das Gesicht leicht geneigt, als ob er zuhörte, auf die Erde blickend; Renate wuchs mit der schwarzen Glocke ihres Kleides aus dem Rasen empor, und über ihren Rücken hing das große weiße Dreieck eines glänzend bestickten Schulterschals mit langen Fransen herunter. Sprach sie denn? Nein, sie schwieg. Georg lächelte wunderbar zufrieden, denn nun konnte er sehen, daß sie eine Hand am Kinn hatte, den Ellbogen vermutlich in der andern, so wie er es einmal in einem Briefe gelesen hatte.