Georgs Blick glitt langsam von ihm ab; niemand sagte etwas. Die Luft im Raum war nun dick von Tabaksrauch und schwirrend von Stimmen und Gelächter, die Kellner liefen geschäftig, Frithjof erschien, schwerbeladen, in jeder Hand schulterhoch einen ganzen Fächer von belasteten Tabletts, deren einen er schwingend in einen runden Familienkreis hineinschlittern ließ.
Oh Gott, dachte Georg gequält, so ist das nun! Warum sitze ich hier? Da hocken wir beisammen im Kaffeehaus. Der eine sagt, was er meint, der andre sagt, was er meint. Das Ganze ist ein Gespräch. Und alles hat diese gräßliche Blankheit von Nickelgeschirr. Ach, und eine sitzt daneben, das Herz bis zum Rande voll Tränen! — Dieser Montfort, da saß er, die Ellbogen auf der Marmorplatte, die Zigarre am Munde, an der er saugte. Georg, voll Haßverlangens, ihm etwas Heftiges anzuwerfen, und um wenigstens den Trumpf zu haben, daß er selber es sei, der die Gesprächekarre wieder in Gang brachte, fand auf der Suche nach irgendetwas endlich, daß es ihm schien, Montfort habe Deutschland beleidigt und er müßte es verteidigen. Also warf er, unwirsch wie ein zu geringes Trinkgeld, die Worte auf den Tisch:
„Sagen Sie nichts gegen Deutschland! Am Ende ist es doch das einzige Land, wo man leben und sterben möchte.“
Montfort wich plötzlich vor einer träg aufsteigenden Qualmwolke, die Augen zukneifend, zurück, wedelte mit der Hand, rieb sich das eine Lid und sagte:
„Leben? — das wäre die Frage. Sterben? — darüber ließe sich reden.“
Langsam, nachdem er seine Haltung wieder eingenommen, ließ er jetzt die Augen zu seiner Freundin hinübergleiten, so daß es Georg vorkam, als hätte er etwas gesagt, das für sie einen besonderen Sinn habe ... Gleichzeitig ergrimmt über Vorgänge des Herzens, die ihm verheimlicht wurden, und voll eifrigen Mitleids mit einem von diesen empfindsameren, weiblichen Geschöpfen, wagte Georg nicht, sie anzusehn, blickte auf Dostojewskis verschwommenen Kopf und sah trotzdem an seiner Seite das stille Gesicht des Mädchens, das vorgebeugt dasaß, die Arme auf der Tischplatte, eine Hand am Glas, mit der andern diesen und jenen Blumenstiel anzupfend und anders feststeckend.
„Nur die landschaftlichen Sachen,“ sagte sie getrost aufblickend, „die mag ich hier und da recht gern ...“
Georg hätte sie in die Arme schließen mögen. Die reine Seele, da stieg sie nun aus ihrem Leid und brachte sich obendrein zum Opfer, bloß weil ein Gespräch wieder ins Fahrwasser kommen mußte, und fing richtig vom Kinematographen an, den sie nicht leiden konnte. Er selber dabei, er konnte sie nicht streicheln noch ihre Hand ergreifen, er konnte weiter nichts als sich zu ihr neigen und brüderlich lachend und scherzhaft rufen:
„Ha! daran glaube ich nimmermehr! Alle reden davon, und alle wollen sie die Detektivschlager sehn!“
Welch einen Unsinn er redete! Aber nun — sie verstand ihn doch und schüttelte nur lächelnd den Kopf. Montfort sagte: