„Sie, Durchlaucht, gehören, hoff ich, nicht auch zu den Leuten, die der Bevölkerung die Hintertreppe wegnehmen wollen. Was verbleibt am Ende dem gemeinen Mann? Zur Vordertreppe lassen Sie ihn doch nicht heran, wie? Ach, teure Cornelia, als Frau möchtest du natürlich alles schön und fortschrittlich und heilsam haben, und den Gegenstand für die Verbesserungen findest du natürlich in den Kreisen, die sich seit alters haben alles gefallen lassen müssen. Der begüterte Mann hat hundert Arten, sich zu ruinieren, geistig und körperlich, Kaffeehäuser und Kabaretts, Absynth, Pferderennen, Automobilunfälle, Luftschiffe, Haschisch und Nackttänzerinnen. Selbst der Gewöhnlichste hat noch Pilsener Bier. Das Volk hingegen hat gar nichts, es soll nur immer belehrt werden. Nun soll es schon kein Bier und keinen Schnaps mehr trinken, was außer dem Kindermachen seine letzte Freude ist. Fang doch oben an, Herz, wenn du bessern möchtest, ihnen aber gönn ihre Mordsgeschichten, damit wenigstens ein halb Prozent als anständige Schwerverbrecher zum Galgen rennt, wo neunundneunzig ein halb Prozent als halbe Lüstlinge, halbe Wüstlinge, halbe Säufer, halbe Arbeiter — — überhaupt flau, flau, flau — die Welt ist so gottserbärmlich flau, süßsauer und abgestanden wie kalter Kohl. Gott sei Dank, da kommt der Maler Bogner.“
Ja, Gott sei Dank! Georg atmete auf, als er den Maler wie einen lange entbehrten Herzensfreund um das Aquarium kommen sah.
Traumdeutung
Bogner mußte sich an den Tisch setzen und Pilsener Bier trinken. Josef Montfort lud alle dazu ein. Georg, um nur gleich durch gewechselte Rede dem Maler noch näher zu kommen, fragte, ob er von Chalybäus’ Schlaganfall gehört habe. Augenblicks erschien ihm zwar Anna, aber der Gedanke: Renate! spülte sie hinweg wie ein gläserner Katarakt voll Visionen.
Das sei zu erwarten gewesen, erklärte Bogner. Er habe einen Grog nach dem andern getrunken, während al Manach ihm Geschichten erzählte, und Georg, der ihn nie hatte leiden können, bekräftigte das Gesagte mit Andeutungen über seine liederliche Wirtschaftsführung. „Seine Frau war eine Art Freundin von Mama, und so kam das Ganze.“
„Fuhr nach Böhne,“ sagte Bogner, „lehrte die Honoratioren das Pokern und kam betrunken heim, aber von Januar ab blieb er in Helenenruh und trank Grog. Seine Tochter tut mir leid, sie hat genug durchmachen müssen.“
„Meinen Sie?“ fragte Georg ratlos und sah Frithjof an, der unterm hängenden Lide prüfend auf Bogner hinabblickte.
„Was solls denn sein, Herr?“ sagte Frithjof.
Montfort bestellte sein Pilsener für alle. Georg sah auf einmal Anna im Wiesendunkel an der Erde liegen und gleich darauf in einem gläsernen Sarge. Das mußte er geträumt haben ... Indem fiel ihm jener Morgen und das kinematographische Stück seines Traumes ein und so lebhaft, daß er sagte:
„Erinnern Sie sich noch, Bogner, an die Nacht, wo wir zusammen die Bowle austranken? Da wir eben vom Kinematographen sprachen, so fällt mir ein, daß ich gegen Morgen die sonderbarsten Dinge träumte. Nun hab ich das meiste vergessen, aber das Letzte weiß ich noch. Ich stand in einem Theaterparkett — nicht wahr — in der Finsternis unter vielen Menschen, und über mir in dem grellen Lichtstreifen aus dem Projektionsapparat fuhren meine gespreizten Hände hin und her, ungeheuer groß und als wären es hundert. Und vorher, das weiß ich noch, erklärte Papas Sekretär — ja, nun hab ichs doch vergessen, — aber dann sagte ich: Ich komme nicht hinein! Ich wußte, glaub ich, im Traum, daß hinter der durchsichtigen Leinwand ein richtiger Festzug war, und daß ich dazu gehörte ...“