„Ach, ich wäre Ihnen ja so dankbar!“ versetzte sie aufatmend. „Wenn er nur hier irgendwo im Lande bleiben kann ... Sie sehen ja, wie er ist, für solche wie ihn giebt es keine Gesetze, nein, sie geben welche, und es ist ja so schön, daß es Menschen giebt wie ihn, wie wäre es sonst langweilig!“

Nun lachte sie wieder, sagte: „Jetzt aber still!“ und: „Ich danke Ihnen ein andermal! Da ist mein Haus!“

Georg sah nicht weit von ihnen die Vier beisammenstehn. Im nächsten Augenblick waren sie bei ihnen, Cornelia holte ihr Handtäschchen und den Schlüssel daraus hervor, den Montfort ihr fortnahm, um aufzuschließen. Unterdes gaben Bogner und der Anwalt ihr die Hand, Cora nickte fürstlich; sie sagte, Georg fest die Hand drückend, laut und ruhig:

„Wenn Sie mir schreiben, Durchlaucht: Eichstraße 17 und Fräulein Cornelia Ring. Gute Nacht.“

Josef gab ihr den Schlüssel zurück, sie nickte ihm zu und verschwand, nickte dann noch einmal bittend und lächelnd zu Georg durch die dunkle Scheibe der Haustür, während sie drinnen zuschloß.

„Wir wohnen drei Häuser weiter,“ hörte Georg den Anwalt sagen und war sehr damit zufrieden. Auf dem Wege dahin sprach niemand mehr; angelangt, bat der Staatsanwalt seinen Bruder zum Essen für den andern Tag, aber Cora fiel mit müder Stimme ein:

„Gott, Herbert! Morgen ist doch die Herzbruchsche Hochzeit! Dann kommen Sie also — ja, wir sagen wohl du zueinander, nun, das machen wir alles morgen — also dann kommst du morgen vormittag zu mir, — ja, Durchlaucht, dann müssen Sie auch vormittags kommen, Herbert, du kannst dich vielleicht früher freimachen. Nein, kommen Sie nur!“ wiederholte sie hartnäckig, da Georg abwehren wollte. „Du entschuldigst, Ben — was für ein herrlicher Name! —, daß ich den Prinzen schon vor dir eingeladen habe, aber ich kannte ihn ja schon länger als dich —“ sie lachte. „Merkwürdig, nicht, wo du doch mein Schwager bist! Aber ich schwärme für Männer und kann nie genug haben, — das heißt, wenn ich Herbert nicht haben kann, und der hat ja nie Zeit, — du Armer! Also kommt ihr Beide,“ schloß sie achtlos, scheinbar aus Schläfrigkeit die summarische Anrede gebrauchend.

Georg bekam eine lange, schlaffe Hand und keinen Blick. Das Ehepaar entschwand.

Fahrt

Schweigsam schlenderten sie die Straße zurück. Es begann zu regnen. Georg, am Gossenrande, die Hände tief in den Manteltaschen, fühlte die Schläfrigkeit aus seinem Hirn in die Füße und Schultern gewichen, die leise brannten, auch waren ihm am einen Arm der hängende Schirm, unterm andern das dicke Buch lästig, das ständig aus der Achselhöhle nach unten rutschte. — Das arme Mädchen! dachte er trübe und vergnügt, ihr helfen zu können. Was mochte sie nun eigentlich für ein Wesen sein, daß Montfort mit ihr zusammen lebte, er hier, der, die Hände mit dem Stock auf dem Rücken, sehr groß und aufrecht, den Hut im Genick, neben ihm schritt. Bogner, an der Wand der häßlichen, roten und gelben Häuser hinstreifend, hielt seinen Mantel in den Armen an den Leib gepreßt, blieb aber nun stehn und zog ihn an, während Josef sich umdrehte. Eine Droschke rasselte hinter ihnen heran, und Josef sagte: „Ein Vehikel. Nun wollen wir ins Mulläng rusch fahren.“