Georg wollte, aber konnte nicht sagen, daß er ihn ja in dies schandbare Vehikel hineingesperrt habe, denn freilich — warum hatte er sich sperren lassen?
„Teuerster,“ fuhr Montfort fort, „ich weiß, was Sie denken. Sie sind auch so ein Mensch, der auf einmal von Versen ergriffen wird. Alles muß Ihnen mundgerecht gemacht werden, dann geht Ihnen das große Begreifen auf, und Sie bemerken Ihre Seele. Freuen Sie sich übrigens Ihrer Jugend.“
Bogner, während Georg sich, die Lippen zusammenkneifend, in seine Ecke zurücksetzte und den Dostojewskiband neben sich in den Sitz stieß, legte eine Hand auf seinen Arm und sagte, das Gesicht zu ihm wendend:
„Deswegen keine Sorge! Man gerät immer um so weiter auseinander, je enger man beisammenhockt. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen von Judith Österreicher erzählte? Da saßen wir schön geräumig und konnten untereinander kommen und gehen, wie es uns beliebte.“
Anna! dachte Georg erschreckt. Oh, litt sie nicht auch, er aber litt nicht mit ihr! — Eine Weile später konnte er es nicht lassen, gereizt und unwirsch hervorzustoßen: „Warum fahren wir dann hier?“
Bogner schien zu lächeln und wandte sich ab; Montfort hatte die Augen wieder geschlossen; so fuhren sie schweigend, räderumrasselt, wieder über Asphalt, über Geleise, umschwenkend, plötzlich aus einem Geleis, in dem sie dahinrollten, herausgerissen, gegeneinander geschüttelt, umrasselt unaufhörlich. Georg hatte das Gefühl, als würde diese Nachtfahrt ihm ewig unvergeßlich bleiben. Dann dachte er, es müßte über ihnen ein Stern stehn, der Renates Züge trug, aber nun ließ das Wagenverdeck sich ja wieder nicht aufschlagen! — Er stöhnte, es war nicht auszuhalten.
Da hielt die Droschke mit einem Ruck. Georg riß die Tür auf und stolperte ins Freie vor ein Portal mit bunten Lampen, aus dem ein großer Türsteher mit Schnüren und hellblauem Mantel, einen langen Tambourstab in der Hand, hergeschritten kam. Im Augenblick gewillt, davon, in die Nacht, in einen Wald hineinzulaufen, fühlte Georg sich leicht am Arm ergriffen und vom lächelnden Josef Montfort in den gläsernen Tunnel hineingeschoben.
Sie legten die Mäntel ab und gelangten über eine Treppe in den Tanzsaal.
Ballhaus/Bar
Es waren Galerien da auf drei Seiten, darunter standen die Tische, in der leeren Parkettmitte drehten sich zwei Mädchen in blauweißgestreiften Matrosenanzügen mit roten Kragen und in Kniehosen, rote Zipfelmützen auf dem Kopf, in träger Vergeßlichkeit hin und her. An wenigen Tischen saßen Männer beim Wein und rauchten, im Winkel beim Tresen war ein ganzer Haufen buntgekleideter Frauen mit sinnlosen Hüten. Bald saßen sie in einer Ecke und hatten Gläser mit golden aussehendem Haute Sauternes vor sich stehn. Bogner rauchte seine Pfeife und sah sich alles mit Gleichmut an, Josef gähnte unaufhörlich, Georg trank hastig drei Gläser Wein aus, ohne es recht zu bemerken. Im Saal schoben sich einige Paare hin und her, Damen tanzten miteinander, die Leiber ineinander verrenkt, abstoßend anzusehen, und Georg fing an, innerlich Wut zu schnauben, daß er hier war. Plötzlich stand ein schwarzgekleidetes, bleiches Wesen neben Josef, das nicht wie die Andern war, sondern hoffärtig und einsam aussah.