„Du warst lange fort,“ sagte sie traurig zu Montfort, der sofort aufstand und einen Stuhl holte. Sie glitt auf den seinen, füllte sich ein leeres Glas und trank lange in kleinen Schlucken, wobei sie Josef in die Augen sah.
„Wozu?“ sagte sie plötzlich, das Glas hinsetzend, stand auf und war gleich darauf mit einem breiten Herrn zwischen den Tanzenden.
Georg dachte, es fange nun wirklich an, sinnlos zu werden, aber als er nach einer Weile Umherschauens zu Montfort sagen wollte, daß sie gehen wollten, war der verschwunden. Bogner hatte sein Skizzenbuch unter dem Tisch auf den Knien und zeichnete etwas Unsichtbares, ohne auf das Papier zu sehn. Ein Kellner kam, nahm stillschweigend die leere Flasche fort und brachte bald darauf eine neue. Da ein rosenrotes Mädchen sich an Georgs Stuhl vorbeischob, das herausfordernde Augen machte, so tanzte er mit ihm, tanzte mit dieser und jener, zuerst unbehülflich, da er in seine Tanzstundenhaltung zurückfiel, dann sachgemäß, seiner Tänzerin das rechte Bein zwischen die Schenkel drückend, so daß er die ganze Gestalt an sich preßte, und dazwischen trank er, sah auch Montfort tanzen, langsam wurden die Dinge dunstig und zerstückt, sein Gesichtskreis verengte sich, er sah nur noch Allernächstes, er wußte nicht mehr, was er tat. Plötzlich klopfte jemand ihn auf die Schulter, Montfort, der leise sagte: „Nun muß ich in die Unionbar, gehen wir.“
Er folgte willenlos, fand sich gleich darauf an Montforts Arm in der Nachtkälte, merkte, daß er zusammenfiel, raffte sich auf und ging aufrecht seines Weges zwischen Bogner und dem Andern, wobei er unausgesetzt schwatzte, ohne zu wissen was; nur daß er im Gehen doch hin und wieder dem einen oder dem andern seiner Begleiter näher kam, merkte er. Da blieb er stehn und sagte mit großem Ernst zu Josef — während ihm gleichzeitig einfiel, daß er Dostojewskis ‚Jüngling‘ nicht mehr bei sich hatte —: „Fräulein Ring sprach mit mir von Ihnen.“
„Kommen Sie nur, das weiß ich ja alles!“ meinte Montfort begütigend, indem er ihn weiterzog. Jetzt nur nicht wütend werden! ermahnte sich Georg, das wäre ein Beweis deiner Betrunkenheit. — —
Aber von nun ab war ihm nichts mehr bewußt, als daß er nach einer langen Zeit Küsse fühlte, lange Küsse und von einer so alles durchschmelzenden, verzehrenden Süße, daß er dachte, er träume. Die Augen aufreißend, sah er ein weibliches Gesicht nahe vor dem seinen, das ihm wiederum so zauberhaft schön, so über alle Begriffe wunderbar erschien, daß er überzeugt war, er träume, doch spürte er nun deutlich ihren Mund, der sich in den seinen einwühlte, die Zähne, ihren Atem; er schmolz in Zärtlichkeit, er weinte fast und murmelte dumpf: „Liebst du mich denn so?“ Er hörte eine verdunkelte, vor Zärtlichkeit erstickende Stimme antworten: „Ja! Ja!“ und: „Hast du es nicht gleich gemerkt, wie wir uns ansahn, als du hereinkamst?“
Jetzt wurden die Dinge umher klarer. Das Mädchen saß auf seinem Schoß, hinter ihr war ein winziger Raum, eine Koje, in der eine dunkelrote Schleierlampe hing; darunter war ein Wirrwarr von Sektflaschen, Gläsern, Strohhalmen und plötzlich das Gesicht Maler Bogners wie aus Erz, so völlig unverändert, und nun merkte er den Lärm, merkte, daß hinter seinem Rücken ein ungeheures Geschrei und Getümmel war, Frauenstimmen kreischten, Kerle brüllten, und hinter dieser Wand von Tumult dröhnte ein Klavier. Das Mädchen, das er im Arm hielt, jetzt nicht mehr so schön, aber großäugig, ein schwarzes Samtband um die Stirn, sprang von seinen Knien, ergriff seine rechte Hand, zog ihn in die Höhe und sagte heiß: „Komm, tanzen!“ Er gehorchte, drehte sich irgendwo in einem dichten Gedränge heißer Körper und Gesichter, und saß gleich darauf in der wärmsten Enge hinter jenem Tisch auf einem Sofa, Bogner gegenüber, neben dem ein unbekanntes Gesicht war, und neben ihm selber — ja, das war Montfort. Das Mädchen drängte sich an seiner andern Seite unter seine Achsel, und er hörte es flüstern, daß sie gleich fort müßte, zu andern Gästen, ob er sie morgen treffen wollte, und er sagte zu allem Ja. — Also am Gänseliesel, sie wohne dort ganz in der Nähe, und um ein Uhr. Ob er auch sicher käme, und sie würde ihm schreiben, wenn sie nicht könne.
„Ja, weißt du denn, wer ich bin?“ fragte er, etwas erschreckt.
Sie wußte es nicht, da verschwieg er seinen Namen und sagte, sie solle ihm unter G. T. 17 schreiben, Hauptpostamt, und es nicht vergessen. Er sah, daß sie einen Kellner anhielt, von ihm Papier und Bleistift bekam und sorgfältig aufmalte: G. T. 17 auf zwei Stückchen Papier, von denen er eins in seine Brieftasche steckte.
„Schenk mir was!“ bettelte sie plötzlich, „ich hab heut abend noch nichts verdient.“