Er zog Goldstücke hervor, sie ergriff seine Hand, streifte ihren Rock in die Höhe und führte seine Hand mit dem Geld darin zu der Öffnung ihres Strumpfes am Oberschenkel, indem sie ihn zugleich mit dem linken Arm umhalste, brennend anlächelte und küßte. Als er die warme und nackte Haut ihres Beines fühlte, brach er fast zusammen, wurde aber im selben Augenblick zurückgestoßen; sie sprang auf, schüttelte ihren Rock, warf ihm eine Kußhand zu und verschwand im Getümmel.

Nun muß ich mich übergeben, dachte Georg, stand eilig auf, gelangte durch das Tohuwabohu hinaus, tat, was er eben gedacht hatte, war, als er zurückkehrte, wenigstens wieder im Besitz seiner Augen, obwohl sie auch jetzt nur für das Nächstliegende reichten, aber er sah doch beim Hinsetzen, daß die Augen des Fremden sich auf ihn richteten, so daß er sich verbeugte und seinen Namen murmelte, worauf jener — dunkle, ruhige Augen unter einer zarten Stirn — ihm leicht erstaunt die Hand reichte, indem er sagte: „Wir kennen uns ja schon.“ Georg, verlegen, setzte sich still nieder, da er zudem bemerkt hatte, daß er wohl denken, aber noch nicht sprechen konnte. Nun, da saß also Bogner und zeichnete hinter der Flaschenbarrikade auf das Tischtuch. In seinen rechten Arm hatte sich ein blondes Mädchen gehakt, das neben ihm saß und seiner Beschäftigung so andächtig zuschaute, daß ihr hin und wieder die Augen zusanken und ihr Kopf langsam vornüber fiel. Der Maler sah dann nachsichtig auf sie hinunter, und sie warf den Kopf mit einem Ruck empor, riß die Augen auf, lachte schläfrig, ergriff ein Glas und sagte: „Mönchmeyer!“ und dann: „Prosit“ und trank.

Georg begann das Gespräch Montforts und des Fremden zu hören, deren Köpfe sich hinter der roten Schleierlampe dicht zueinander gebeugt hatten, denn sie stritten sich heftig, und Georg hörte die Namen Poës, Hoffmanns und Kubins. Eine Weile war das alles noch dumpf und weit entfernt, es kam aber durch Augenblicke näher, endlich und ganz deutlich hörte er Montfort sagen:

„Angenommen also, es sei möglich, die gesamten seelischen und geistigen Eigenschaften zweier Menschen — meinetwegen in der Form der Auswechselung ihrer Gehirne — miteinander zu vertauschen, was ist diejenige Folge, die sich für früher oder später mit Notwendigkeit ergeben muß?“

Jucken, dachte Georg, infolge der fremden Körperlichkeit, während der Fremde sagte:

„Zusatz: Jeder von beiden hat, ausgestattet mit den alten Gewohnheiten des Gefühls, der Denkungsart, der Neigungen und ihrer Gegenteile und so weiter und so weiter, diese in einer andern Gestalt, andrer Umgebung — es ist zu denken an Verwandte, Eltern und Freunde, Gleichstehende nah und fern — zu verwenden.“

„Die Folge ist — ich will nicht geradezu sagen: Verbrechen, da die wenigsten Menschen tätlich veranlagt sind, — aber sie ist: Unheil, sie ist tragisch. Die nächste, die sofortige Folge nämlich, ist: ein Liebesgefühl für die neue Mutter oder Schwester, jedenfalls Fehlen des Verwandtschaftsgefühls, fehlende Zuneigung zu Eltern und Geschwistern.“

Dies heiße die Angelegenheit zu enge begrenzen, meinte der Andre. Er wolle in allgemeinerem Sinne eine günstige Wirkung der Verwandlung beweisen, gesetzt, die Erinnerung an das alte Dasein sei geblieben, nämlich: Befreiung. Befreiung von allem Gewohnten, ein neuer Ausblick in die Umgebung bis zu den Sternen hinauf, daher ein Auftrieb aller Kräfte, eine weisere Benutzung, eine deutlichere Erkenntnis des Seienden, genau so wie jemand, der ein jahrelang von Andern bewohntes Zimmer betrete, die Leute darin auf unzählbare, von ihnen nie bemerkte Dinge aufmerksam machen könne. Hinzu komme ferner das besonders Wichtige: der Einfluß des neuen äußeren Menschen.

„Als Beispiel“, sagte er, „möchte ich folgendes eigene Erlebnis erwähnen: Ich habe in früheren Jahren als Schüler bei Festlichkeiten Theater gespielt, hatte mir, was zu mimen war, ungefähr zurechtgelegt, übrigens auf den Proben keinerlei Befähigung zum Schauspieler gezeigt, und hatte heftiges Lampenfieber. Nun hatte ich einen komischen alten Diener zu geben. Kaum hatte ich nach Herstellung meiner Maske einen Blick in den Spiegel getan und von mir selber, hinter der kahlköpfigen Perücke, den weißen Bartkoteletten, den Runzeln samt der Livree nichts wahrgenommen als die alten Augen, da war jede Spur von Aufregung verschwunden, und ich muß in meine Figur, in meine Rolle dermaßen hineingewachsen sein, daß die ältesten Leute bei meiner Komik, bei der ich mir gar nichts dachte, Tränen gelacht haben sollen, und während —“

„Das beweist gar nichts,“ sagte Josef. „Sie wollen mit Ihrem Gleichnis den Verlust der, den Menschen zumeist anhaftenden Scheu und Unsicherheit aufdecken, aber das ist alles Unsinn. Ihre schauspielerischen Erfahrungen stehen in konträrem Gegensatz zu denen aller richtigen Mimen, oder haben Sie schon von einem gehört, dessen Lampenfieber in Lampengenesung umgeschlagen wäre? Und außerdem bestreite ich für mich persönlich jedenfalls energisch das Vorhandensein Ihrer Scheu und Unsicherheit.“