Da es sich nicht um Josef Montfort handle, sagte der Fremde, so fahre er unbeirrt fort: In der neuen Maske oder Gestalt lasse sich alles verstecken, jeder Gedanke, jeder Plan, jede Beklommenheit und jeder Schreck, „deshalb nämlich,“ sagte er, „weil ich mir nur einzuprägen brauche, daß der Ausdruck, den meine Umgebung an mir wahrzunehmen glaubt, nicht mir gehört, sondern dem — Andern, der Maske, und daß niemand den wahren, inneren Vorgang wahrnehmen kann.“

Hiergegen sei eine Menge einzuwenden, erklärte Montfort. „Erstlich Ihr: ‚Ich brauche mir nur einzuprägen‘. — Gesetzt, Sie könnten das, wozu brauchen Sie denn da die Verwandlung? Dann können Sie es doch auch so wie Sie sind jeden Augenblick fertigbringen. Zweitens —“

Da, sagte der Andre, läge seine ganze Torheit in ihrer beschämenden Nacktheit vor aller Augen. „Sie hätten mir einen Fehler nachweisen können, weil es nämlich Schauspieler giebt, die ohne Maske einen völlig andern Menschen als sie selber darzustellen vermögen —“

„Welch ein unseliger Nonsens!“ lamentierte Josef. „Ist denn hier vom Schauspielertalent die Rede?“

„Seit langem,“ war die ruhige Antwort, „schon immerzu, Sie haben bloß nicht bemerkt, daß ich Ihnen zeigen wollte, daß eben mit der Maske auch der Schauspieler, auch das ‚Sicheinprägenkönnen‘ möglich wird und sich entwickelt. So wie ich bin, verstelle ich mich natürlich auch bis zu einem gewissen Grade, aber —“

„Und nun,“ Josef lächelte hinreißend, „nun wollen Sie mir noch nicht zugeben, daß Sie matt sind?“

Der Andre stutzte, überlegte und fragte: „Wieso?“

„Sie sind ein zu guter Mensch, Saint-Georges,“ sagte Josef, „ein zu anständiger Mensch. Sie folgern nur auf zunehmende Sicherheit und daraus womöglich auf Kraft, Güte und wer weiß was noch. Sollten Sie nie bedacht haben, daß die Menschheit eine Versammlung von Bestien ist? Natürlich, der einzelne Mensch ist gut, denn Vereinzelung ist Hülflosigkeit und Hülflosigkeit Schwäche und Furcht. Furcht aber ist zu allen Zugeständnissen bereit, zum Verzeihen, zum Zurücknehmen, zum Helfen, zu jeder Art von Güte, die Sie wollen. Hörten Sie nie von der unendlichen Güte sterbender Menschen? Mehrzahl aber macht stark, und Stärke ist geneigt zu Forderungen, zur Unduldsamkeit; weil jeder sich von zehn Andern gedeckt weiß, zur Durchsetzung jeder Neigung wie zum Geschrei. Können Sie leise reden, wenn zehntausend herum sind? Und wie können Sie doch nicht linde genug flüstern, wenn Sie bei Ihrer Geliebten liegen. Sicherheit auf Kosten des moralischen Menschen, da haben wirs. Nicht zum Schauspieler werde ich, sondern zum Heuchler, zum Scharlatan, und ich entwickele die niedrigsten Instinkte, die ich auftreiben kann, denn die guten, ob mit, ob ohne Maske, brauche ich nie zu verheimlichen. Sie sprachen, lassen Sie mich nur weiterreden, Sie sprachen von Freiheit; gewiß, Befreitheit vom Zwang, vom Sichbeobachtet-, Sicherspäht-, Sichertapptfühlen, Befreiung vom Erröten und Erbleichen, von Beschämung und all dem Höflichen, das uns hier den Verkehr miteinander möglich macht. Befreiung aller Triebe, Verlust des Schamgefühls, ha! Warum kann eine Schauspielerin denn eine Dirne mimen, warum gelingt den Schauspielern die Darstellung Jagos, Franz Moors und des andern Mohren so viel besser als die Max Piccolominis? Weil das in der Maske schwindende Schamgefühl — ja, dazu dient die Maske allerdings — die, in jedem Menschen wohnenden Gelüste zum Bösen, zum Verneinen, zum Verbrechen begünstigt. Sie, obgleich ein so guter, anständiger Mensch, hat Sie es nie beim Anblick eines Haufens Banknoten durchzuckt: In die Tasche damit und verschwinden! — nie beim Anblick eines berauschenden Weibes, ha!: Ersticken mit Küssen und — weg wie der Satan! Hinterdrein dann das kühle Selbstgeständnis: Ich bins nicht gewesen, der diese satanische Eingebung gehabt hat, o weh! Nun aber nehmen Sie die Maske vor, nun ...“

Er atmete auf und legte sich zurück, Georg sah ihn heftig erregt, blitzender Augen und geblähter Nasenflügel, wie er mit der Hand gegen seine Brust pochte, dann eine seiner großen Zigarren aus der Weste zog, die Spitze abbiß und sie entzündete. Saint-Georges machte den Versuch eines letzten Vorstoßes, indem er vorschlug, es doch wirklich, wie Montfort mehrfach betont habe, mit gewissermaßen anständigen Menschen zu tun zu haben. Josef, stracks wieder schwellend von Beredsamkeit, sagte:

„Zum Beispiel Sie und ich, anständige und deshalb, für den Augenblick wenigstens ehrliche Menschen. Bekennen wir demnach: Würden wir — maskiert — nicht manches tun und versuchen, zu dem wir es jetzt nicht kommen lassen?“