Hier sah Georg sein Gesicht sich verzerren, als ob er aufschriee wie ein Gekniffener, während er zugleich mit leisestem Geflüster zischte: „Ist es denn nicht das? Wir lassen es ja zu nichts kommen, wir lassen uns ja immer hindern und werden doch nicht besser, sondern nur böser dadurch.“
Georg erschrak in seiner Dumpfheit, das Wort bedenkend, Bogners erschreckendes Wort: Alle sind gut; nur will sich niemand hindern lassen. Also nicht nur jene, die Behinderung abzustreifen wissen, sondern der Behinderte an sich schon wird böse, weil er sich hindern läßt? — Er hörte wieder Montfort: „Meinen Sie tatsächlich, wir würden besser werden? Wollen Sie wirklich vergessen, welchen Verbrauch von Halb- und Zehntelslügen sogar der Anständigste am Tage hat, vor den Andern, vor sich selbst? Würden wir uns nicht noch leichter über dies und das beruhigen, über jenes hinwegtäuschen, dieses uns vorspiegeln, das ausreden, dort klein beigeben und hier übertreiben? Unser Gutes übertrieben, unser Schlechtes belanglos, das Ferne nah und das Nahe entfernt sehn? Wünsche statt Ausführung, Aussichten für Wege, Träume statt Handlungen und Nichtswürdigkeiten für Taten nehmen? Würden wir uns nicht noch mehr belügen? Nicht, anstatt herauszukommen, noch tiefer in Bequemlichkeit, Lauheit und Gewohnheit versinken, bis wir gänzlich der seelischen Verfettung anheimgefallen sind? Sehen Sie denn nicht, Mensch, im Hintergrunde Ihrer ganzen Spekulation die Unentrinnbarkeit eines teuflischen Quietismus, der sagt: Wozu überhaupt etwas? Ich bins ja doch nicht, der handelt! Und niemals, niemals, Sie Glücklicher, haben Sie sich das selber auch so gesagt, ohne Maske? wie Sie da sitzen, alles einem Gott oder Dämon in die Schuhe geschoben und geklagt: Einer sitzt in mir, der will immer anders!“
Josef Montfort schwieg erschöpft und schaute mit tiefem Trübsinn in sein Whiskyglas. Georg indes hatte sich so weit gesammelt, daß er, wie er glaubte, ziemlich deutlich hervorbrachte:
„Und also würde alles beim alten bleiben, nicht wahr. In Ihrer Maske würde kein Herz Platz haben — Sie ermahnten mich doch, es mir zu erhalten —, denn wir würden nicht mehr erraten können, nicht wahr, wen von uns unser Freund, unsre Geliebte meint: den, der wir sind, oder den, der wir scheinen. Das aber, nicht wahr,“ Georgs Stimme ging unter in Traurigkeit, „wissen wir auch jetzt nicht, und — nicht wahr — wir können froh sein, wenn eine gute Geliebte aus unserm Schein und unsrer Wahrheit sich eine Mitte verfertigt, die —“
„Froh?“ Josef lächelte dekorativ. „Lieber Freund, das glaube ich Ihnen nicht. Froh sind Sie, in der Sie Liebenden ein Wunderbildnis von Ihnen erzeugen zu können, das Sie auf Knieen verehrt, froh, obgleich Sie sich dem hundertmal widersetzen zu müssen glauben, bis Sie einsehn, Sie können es nicht verhindern, weil die süße Frau es nicht will, und Sie selber wollen es nicht und tun ihr das gleiche an. Ist Liebe etwa Lernen und Erkennen? Um Gottes willen! Liebe ist der wunderbare Irrtum des menschlichen Daseins, weshalb er meinetwegen im Leben der Vernünftigen keinen zu großen und nur einen sporadischen Raum einnehmen möge, wogegen ich selbst aber mich wieder und wieder in diesen Irrtum, diese grandioseste aller Stromschnellen hineinstürzen —“ Er hatte schon während der letzten Worte, aus seiner Ekstase nachdenklich werdend, zu jemand emporgesehn, der an den Tisch getreten sein mußte, und während Georg, sich nach ihm umwendend, jenes Mädchen gewahrte, das er vorhin geküßt hatte, hörte er Montfort langsam und durchdringend zu ihr sagen: „Sie sind doch — Lenusch.“
Das Mädchen, erhitzt, das Haar zerzaust, das blasse Gesicht über und über mit roten Flecken bedeckt, schwankte vor Trunkenheit vor und zurück, kniff die Augen zusammen, um Montfort zu erkennen, und da erkannte sie ihn. Im Augenblick — während sie die Hände gleich Krallen gegen die Schultern hochhob, — ballte das ganze, vorher so schöne Antlitz sich zu einer Maske von ungeheurem Haß zusammen, zu einer todbleichen Fläche, besät mit diesen roten Flecken, mit breit und flach gewordener Nase, mit rasend zurückgezogenen Mundwinkeln, und Gift spritzte aus ihren Augen, und die Vorderzähne unten schoben sich vor die Oberzähne. Es kamen aber keine Worte, sondern etwas Bräunliches, Breiiges trat zwischen ihren Lippen hervor. Sie erbrach sich. Es floß einfach aus ihrem Munde, während im zusammenfallenden Gesicht die Augen, wie brechende Augen, nach oben gerichtet, stillstanden.
Georg glaubte bei diesem Anblick zu sehn, wie seine Seele sich schaudernd aus ihm entfernte, ein Schatten, der abgewandt entfloh, und er war von nun an nur noch Äußeres: Gesicht, Gehör, Geruch; sah das Mädchen davongeführt werden, zwei Herren, die an der Bar saßen, sich neugierig umwenden, sah, daß es leer im Raume war, der voll von Dunst und Gerüchen stand, aber dann verließen ihn auch die Sinne, und er fand sich auf einmal in einer unbegreiflichen Tageshelle.
Eine Straße war da, die lag im Schatten, sehr säuberlich, friedlich und abgeschieden; Morgenhelle wars, in der er schaudernd und fröstelnd stand. Unter seinem linken Arm steckte ein andrer Arm, von dem er fortgeführt wurde, und eine nahe Stimme redete Worte in sein Ohr, eine Stimme, die ihm die Jason al Manachs zu sein schien, doch begriff er bald, es war Josef Montfort, und er sprach augenscheinlich gute und begütigende Dinge. Bald hörte er auch die Worte richtig, blieb aber sonst, obwohl er ging, sah und hörte, wie gelähmt. Montfort aber sagte:
„Nur ruhig, nur ruhig! Ich habe eine Ermordete sterben sehn, aber dies war grausamer, hören Sie, Sie müssen an andre Dinge denken, Sie sind zu jung für so etwas, hören Sie einmal zu, ich will Ihnen von Lenusch erzählen. Ich hatte zwei Freunde, die studierten vor ein paar Jahren beide in Königsberg, ohne sich gegenseitig zu kennen, und Beide schrieben mir, — ich kanns Ihnen ja sagen, sie studierten auf meine, beziehungsweise meines Vaters Kosten. Da schrieb nun der Eine, er habe ein himmlisches Wesen kennen gelernt, ja, eine Wirtstochter, aber ein Engel sei sie und liebe ihn, wie er sie, und sie werde trotz ihrer Engelhaftigkeit von ihren Eltern geplagt und mißbraucht, — so schrieb er. Und dann schrieb auch der Andere ganz etwas Ähnliches, ja, mit andern Ausdrücken genau dasselbe, und auch dies Mädchen wurde von ihren Eltern geplagt, nun, was ist da weiter, — ich kam dahinter, daß es dasselbe Mädchen war, sogar Momentaufnahmen bekam ich von beiden Freunden, und es war so, daß sie zum Einen sagte, nun müßte sie wieder ans Waschfaß — dann saß der Andre im Hinterstübchen; und zu dem sagte sie, nun müßte sie wieder Kartoffel schälen, dann traf sie den Andern auf dem Wall. Nun, was sollte ich tun? Ich schrieb das Ganze dem einen Freund, aber der verfluchte mich, und es sei alles gelogen. Da ich nun Gelegenheit hatte, nach Königsberg zu reisen, besuchte ich ihn, ließ sie auf sein Zimmer kommen und zeigte ihr in seinem Beisein die Photographien, die der Andre gemacht hatte, und sagte ihr die ganze Wahrheit, worauf ich das Zimmer verließ. Drinnen blieb eine Weile alles still, dann hörte ich reden, dann schluchzen, dann heftiger reden, ihn und sie, und nun — nach einer Weile rief er mich wieder herein, sagte, sie sei fort, und es sei alles in Ordnung. Sie habe ihm alles eingestanden, aber ihn, habe sie gesagt, liebe sie doch allein, und bei dem Andern habe sie nur nicht widerstehen können, und: Spielerei, und so weiter. O sie hatte unerhörte Begabungen. Ja, das war Lenusch in ihrer Glanzzeit. Später war ich noch einmal in Königsberg, und da erkaltete denn doch ihre Liebe zu meinem Freund — er war Theologe, der gute, und dann verlobte sie sich mit einem Referendar, aber das Verhängnis fuhr ihr dazwischen, und sie bekam ein Kind. Ich weiß nicht, von wem, möglicherweise von jenem Korpschargierten, der eines Tages eine Wette abgeschlossen hatte, daß er, wenn er nur wolle, Lenusch bekommen könne. Nun denken Sie, Prinz, diese Wette hat er gewonnen und doch verloren! Begreifen Sie? Er hat sie wirklich bekommen, diese Lenusch, unter der Bedingung freilich, daß er die Wette verlöre, — o sie war unerhört! Möglicherweise ist es auch von mir gewesen, dies Kind, und trägt meine Züge. Dennoch kann ich eigentlich nicht ganz begreifen, warum sie diesen außerordentlichen und erschreckenden Haß auf mich gefaßt hat. Freilich hatte sie unerhörte Möglichkeiten, und ich habe sie ihr verkümmert, aber verdammt noch mal, hier krepiert ein jeder an verkümmerten Möglichkeiten! und hier ist Ihr Hotel.“
Georg sah ihn vor sich stehn, sein Mäntelchen überm Arm, nur wenig abgefallen im Gesicht, breitschultrig und groß, die Züge merkwürdig entstellt durch die abscheuliche Art, den steifen Hut in die Stirn zu rücken, und Georg mußte heftig in Gelächter ausbrechen. Indem kamen Bogner und Saint-Georges im Gespräch heran, Montfort trat zu diesem, ergriff ihn am Arm und sagte, mit seinem Stock auf die kaum ergrünten Sträucher der Anlagen hinter dem Theater deutend, die sich in der schönen Morgenluft atmend still verhielten, dann auf die kleinen, leichten Wolkenballen, die über dem grünen hochliegenden Kupferdach des Bühnenhauses in der leichten Bläue dahinreisten: