Fünftes Kapitel
Stadt
Renate, am frühen Vormittag aus einem Handschuhladen hinter dem Theater tretend, sah höchlich erstaunt von weitem ihre Freundin Ulrika mit Maler Bogner daherkommen. Sie kamen hinter den Pavillons des Cafés zum Vorschein, schritten schräg über den Damm, und Renate verwunderte sich höchlicher, indem es nämlich nicht Ulrika war, die redete, sondern er, der förmlich auf sie einsprach und mit den Armen dazu ‚etwas weniges agierte‘ — wie Hoffmann gesagt haben würde, dachte Renate —, während Ulrika, in einem gelbgrünen jägerartigen Jackenkleid mit Taschen, Gürtel und Riegeln, einen Stock am Arm, in festen gelben Schuhen und einem Jägerhut, mit gesenktem Kopf daneben ging, emsig zuhörend mit jenem Gesicht, das Renate sonst nur an ihr gesehn hatte, wenn sie am Flügel saß; die dunklen Brauen beherrschten es ganz, — aber unten ging sie im Gleichschritt mit dem Maler, schlank und kräftig ausschreitend und immer so windleicht wie Artemis. Renate blieb am Gossenrand stehn, aber erst als die Beiden dicht vor ihr waren, wurde sie von ihnen gesehn und munter begrüßt.
„Was ist das, Ulrika!“ drohte Renate, „ich sehe dich mit völlig fremden Männern umherlaufen!“
„Nicht? Wie unschicklich, Renate!“ lachte sie, „aber höre bloß, nachdem ich gestern diesen Herrn Maler nichtsahnend in der Bahn kennen gelernt —“
„In der Bahn, Ulrika?“
„Ja, durch Mama! also da kommt er heute morgen um acht, schreibe: um acht! ins Haus, läutet wie ein Teufel, und ich sitze natürlich grade im Bade —“
„Bogner, was sind Sie für ein unschicklicher Mensch!“
„Na warte nur, es kommt noch viel unschicklicher, und da schickt er mir ein Blatt aus seinem Skizzenbuch herein, darauf bin ich gezeichnet, wie ich im Bett liege —“
„Wie gräßlich unschicklich, Ulrika!“