„— im Bett liege, und zwar von unendlicher Länge, und auf meiner einen Fußspitze, die unten heraussieht, sitzt eine gerupfte Lerche ganz klein und schmettert mit sperrangelweit offnem Schnabel: Auf—stehn! und über meinem schlummernden Haupt schwebt ein süßer kleiner Heiligenschein von winzigen Noten, und darunter steht: So lang schläft man! und: Wir wollen in die Haide.“
Nun wollten sie sich alle totlachen, auch Bogner, dann bat Renate die Beiden, ein Stück mit ihr zu gehn, sie wolle Magda bei der Uhr treffen, aber indem sah sie auf einmal Magda neben sich stehn, still wie ein Geist und mit ausgelöschtem Gesicht.
„Da bist du!“ sagte sie erschreckt. Magda reichte mit schwierigem Lächeln jedem der Andern die Hand, hing sich dann plötzlich an Bogners Arm und bat: „Erzähle, Benvenuto! Wo warst du so lange? was hast du gemacht? — Wir gehn zur Elektrischen hinüber!“ rief sie zurück, und die beiden Andern folgten, Renate stumm, sie im Auge behaltend, ohne zu hören, was Ulrika verhandelte. Die Bahn, die sie brauchten, kam in Sicht, als sie kaum an der Haltestelle drüben angelangt waren. Renate wollte sich von Bogner verabschieden, aber der erklärte, mitzukommen, um sich ihre Kapelle anzusehn. Warum, sagte er nicht. — Jetzt? dachte Renate stillschweigend, es geht doch etwas vor in dem Hause! aber wer weiß denn, was? So mußte denn Ulrika allein trübselig ihres Weges ziehn, nicht jedoch ohne dem Maler noch zuzurufen: „Also morgen um dieselbe Zeit!“
Im überfüllten Wagen fand nur Renate einen Platz. Was war das nur mit Magda? Da stand sie an der vorderen Wagentür, schmal in ihrem blauen Jackenkleid, in sich zusammengezogen, und sah mit steifem und verlorenem Ausdruck durch die Scheiben hinaus. Heut morgen, dachte Renate, da war sie doch noch wie Bogners Lerche auf Ulrikas Zehenspitze, was kann ihr denn nur unterwegs begegnet sein? Georg? fuhr es ihr durch den Sinn. Sollten sie sich schon ... Sie begriff es nicht und riet herum, immer ängstlicher in dem allgemeinen Schweigen, in dem sie nun zu dritt das Stück Weges bis zu ihrem Hause zurücklegten, denn Bogners Redseligkeit war mit Ulrika davongegangen. — Es darf ihr doch nichts mehr zustoßen, es darf doch nicht! dachte sie gepeinigt. So ging sie ins Haus und, ohne ihre Überkleider abzulegen, in das Verandazimmer, nahm ein kleines Paket aus ihrer Muffe, wickelte es auf, ließ die langen weißen Handschuh ein-, zweimal durch die linke Hand gleiten, und nun merkte sie erst, daß sie in ihrer Sorge um Magda diese selber vergessen hatte.
Bogner stand am Fenster. „Wo ist denn Magda?“ fragte sie. — Sie sei gleich die Treppe hinaufgegangen. —
Dem Dienstmädchen, das, auf ihren Hut und Jacke wartend, neben ihr stand, gab sie diese endlich und trat noch unschlüssig — denn sie konnte den Maler doch wohl allein lassen für eine Minute? — vor den Pfeilerspiegel, um mit dem kleinen Kamm aus ihrer Handtasche über ihr Haar zu fahren.
Überdem ward die Tür von draußen aufgerissen, und Renate sah die riesige Gestalt des Erasmus geduckt, unrasiert, erhitzt, mit überquellenden Augen und einer Stirn darüber, die platzen zu wollen schien. Den Maler bemerkend, machte er einen Ruck von Verbeugung, faßte ihn ins Auge, ging auf ihn zu und sagte mit seiner tiefen und tönenden Stimme: „Bist du das, Bogner?“
Der streckte beide Hände nach ihm aus und sagte: „Alter Erasmus.“
Sie faßten sich.
„Was ist denn das? Ihr kennt euch?“ fragte Renate.