„Aber selbstverständlich,“ erklärte der Erasmus, „wir sind doch alte Schulkameraden!“ Bogner setzte hinzu: „Das ist der, der einmal seinen Vater bestahl.“

Renate hörte es kaum noch, schon auf dem Wege zur Tür.

Fenster

Magda saß, als Renate ihr Zimmer im Oberstock betrat, am offenen Fenster noch in der Jacke, den Hut im Schoß, hinausblickend, aber seltsam leblos, denn im leisen, von draußen hereinstreifenden Windzug wehte das lichte Haar über ihrer Stirn hin und her, — wie Gras über einem Stein sah es aus. Noch wagte Renate nicht, näher zu ihr zu gehn, blieb an der Tür, fragte endlich scheu: „Ist etwas, Kind?“

Kein Wort kam und keine Bewegung. Nun ging Renate zu ihr, lehnte ihren Kopf an ihre Brust und begann wortlos ihre Wangen, ihr Haar zu streicheln, bis sie merkte, daß die Starrheit sich ein wenig löste. Dabei blickte sie verschwommenen Auges in den Garten hinunter, wo noch alles kahl war, dünnes Grün zwischen dem schwarzen Baumgezweig, und unaufhörlich wechselten Wolkenschatten und Helligkeit durch die bewegte Natur. Es war still; der neue, erregende Odem der Lüfte, nicht kalt und nicht warm, floß erfrischend ab und zu, dann hörte Renate erst leise, aus dem Unsichtbaren, die Amsel schlagen. Ach, diese kleine, süß einfältig zwitschernde Stimme in Pausen immer wieder, so einsam, so friedlich, immer der gleiche, kleine güldene Wirbel, der sich, immer ein wenig verändert, um sich selbst zu drehen schien! Ach, diese wunderliche, selbstvergessene Stimme im Unsichtbaren!

Renate legte ihre Wange auf den Kopf an ihrer Brust; einen Augenblick später fühlte sie ihre rechte Hand von Magdas Hand ergriffen und gleich wieder losgelassen. Dann hörte sie ihre Stimme, das Lied der Amsel übertönend:

„Er ...“

Sie räusperte sich, schwieg wieder und sagte dann:

„Ich begegnete ihm in der Stadt. Ich sah ihn — von weitem und — und er mich auch. Auf einmal war er fort, aber — es waren Leute dazwischen — dann sah ich ihn den Weg zurückgehn. Dann war er fort ...“

Sie schwieg wieder still; hatte sie schon alles gesagt? Die Amselstimme aber fuhr fort, mit sich selber zu reden, Pause um Pause, allein sich fragend, allein sich antwortend in ihrer Einfalt.