Magda sagte:

„Und dann sah ich ihn in einem Blumenladen, — als ich vorbeiging, und da wartete ich vor dem nächsten Schaufenster, bis er kam. Und dann — — dann fragte ich ihn: Warum —“ sie schluckte — „bist du mir eben ausgewichen? Er erschrak — etwas und — kämpfte wohl, ob er lügen sollte, aber dann sagte er: Ja ... und — — es wäre nicht mehr wie früher.“

Sie verstummte. Renate hatte sich wieder aufgerichtet. Aus der Tiefe des Gartens leuchtete ein Tulpenbeet flammend rot in ihre verschleierten Augen, zog sich auseinander, erlosch dann plötzlich. Ein feuchter Tropfen wehte gegen ihre Oberlippe, und die Augen hebend, sah sie im tiefblauen Himmel oben eine festgeballte, schneeweiße Wolke mit blitzenden Rändern, hinter der breite, goldene Fächerstäbe von Sonnenstrahlen hervorbrachen. Dann hörte sie wieder die Amsel.

Magdas Hände lösten die ihren von ihrem Gesicht; sie sagte ruhig vor sich hin:

„Er war ja auch gestern abend schon nicht so, wie ich — wie ich gedacht hatte. Und seine Briefe ... Wir hatten uns wohl Beide geirrt.“

Renate trat schweigend von ihr fort und ans Fenster. Auf der Dachrenne des Verandadaches zur Rechten unter ihr saßen zwei Tauben, die sich drehten und putzten. Unten sah sie plötzlich aus der Sonnenuhr ihren Schatten über das Gras hinwachsen, der Rasen glühte goldig auf umher, der Schatten schrumpfte wieder zusammen und schwand. Ein unruhiger Tag, dachte Renate beklommen und schwer, und als die gleichförmige Stimme der Amsel von neuem unverändert an ihr Ohr schlug, fühlte sie sich gereizt und ungeduldig. Ein kleines Geräusch hinter ihr ließ sie sich umwenden. Magda saß und blickte auf den Fußboden, wo ein kleines Paket lag, Seidenpapier, im Fall geöffnet, goldene Bänder darin und blauseidene Strümpfe. Magdas Gesicht war klein, schlaff und farblos, wie sie darauf niedersah.

„Ja, nun ist Hochzeit,“ sagte sie, „Irene ist doch zu dumm!“ und lachte hart, aber das Lachen verwandelte sich augenblicks in Weinen, die Hände vor dem Gesicht bog sie sich, krampfhaft geschüttelt, und als Renate sie umfangen wollte, sprang sie auf, drängte sie zur Tür und ließ nicht ab, sie zu pressen und zu zwingen, bis Renate draußen war.

Eine Zeitlang stand sie noch, die Hand auf der Klinke, die von drinnen festgehalten wurde, und das Schluchzen hinter der Türe hörend, glaubte sie mit Angst und Schmerzen zu sehn, wie das Mädchen drinnen am Türdrücker hing, sich windend und geschüttelt von ihrer Qual.

Dann schlich sie hülflos und leise die Treppe hinunter.

Im Flur unten wurde sie sonderbar erschreckt durch den Anblick ihres Onkels, der in der Kleiderablage stand und sich den Mantel anzog. Bevor sie etwas sagen konnte, hatte er seinen Hut von der Truhe genommen und war, ohne sie zu sehn, obgleich seine Augen durch die ihren streiften, zur Tür und hinausgegangen.