Renate seufzte tief und stand lange, zur Ausgangstür gewandt, gelähmt und unfähig eines Gedankens.

Halle

In der Halle standen Bogner und Erasmus mit dem Rücken zu ihr hin; Bogner in der Tür zur Veranda, Erasmus am Fenster, und Beide in der gleichen Haltung, die sie nun lösten, um sich zu ihr zu wenden. Als wüßte sie nicht, was sie sagen sollte, setzte Renate sich auf einen Stuhl am Tisch und sah die blauen und weißen Hyazinthen an, die dort standen. Erasmus, die Hände auf dem Rücken unterm Rock, fing an im Zimmer auf und ab zu laufen, blieb dann in ihrer Nähe stehn und sagte zu Bogner hinüber:

„So ändert sich die Zeit. Vor dir brauch ich ja nichts zu verheimlichen, obgleich vielleicht morgen schon ... Mit einem Wort, Renate: Wir haben die Pleite. Oder — nein, das heißt, das wollen wir doch erst mal sehn! Aber wenn du, Bogner, heute kämst wie dazumal, dann hielte ich die Finger aufs Portemonnaie, wenn auch Papa ... Na, also die Fabrik jedenfalls steht still, wenn ich sie nicht heut nacht in Brand stecke. All das Lumpenzeug!“

Wie das gekommen, wie das möglich sei, fragte Bogner; Renate war stumm vor Entsetzen und Angst um den Onkel.

„Möglich? Alles ist möglich,“ sagte Erasmus. „Der Alte ist der beste Mensch von der Welt, strahlende Bonhommie, aber keine Spur von Zeitgefühl. Er kann höchstens zusammenhalten, was da ist. Der ganze Betrieb war ein Blödsinn, das wußt ich lang. Lauter Artikel und Artikelchen statt eine große Sache! Eben hab ich nach Berlin telegraphiert an Neumann, — du erinnerst dich an Neumann! Vorsagen tat er bloß, wenn es gefahrlos war, aber sonst war er ein guter Kerl. Der knobelt, wie ich weiß, schon seit Ewigkeit an einer Vervollkommnung vom Lumièreschen Verfahren — du weißt, Farbphotographie, — die Belichtung dauert zu lange, und dann — na egal! — Vor ein paar Wochen hört ich von ihm, er wäre nun gleich fertig. Wenn der also nicht die Erfindung gemacht hat und sie mir aus purer Bruderliebe für ein Butterbrot hergiebt, hab ich nichts in der Hand, um wenigstens eine Aktien— Und der junge Herr, der Baron da oben!“ schrie er jählings in Wut. „Gestern den ganzen Tag und drei Viertel der Nacht hab ich mit dem alten Herrn über den Büchern gesessen. Mein lieber Bruder — weißt du, was der allein für sich gebraucht hat, wo er hier Wohnung und alles frei hat? Na, dein Papa hat mit seiner guten Praxis im Jahr nicht so viel zusammengekratzt. Aber das hört ja nun alles auf. Das Ding da draußen, die Orgel, hat auch eine Portion gekostet.“

Renate sah ihn jetzt das erste Mal zu ihr sich wenden, ohne daß er die Augen vom Teppich hob.

„Aber dir ists wenigstens zu gönnen,“ grollte er. „Jetzt laur’ ich schon den ganzen Morgen auf Josef, daß er sich herabläßt ...“

Ob denn Konkurs angemeldet werden müßte, fragte Bogner.

„Wie gesagt, wenn nicht — dann ist die einzige Hoffnung, daß sich eine m. b. H. zusammenfindet. Papa ist vollständig — vollständig —“ Er starrte vor sich hin.