„Ein gefaltetes Stück Papier,“ sagte sie, „sehen Sie, Bogner, so sieht das Schicksal aus.“
Seine Antwort verstand sie nicht, da nun Schritte im Treppenhaus laut wurden. Erasmus trat ein, wütende Blicke umherschießend, und stürzte sich auf die Depesche. Josef erschien, schön angezogen, mit etwas müden Augen, nach unbeschreiblichen Essenzen duftend, unbeeinflußt wie stets, drückte ihr die Hand, winkte aber Bogner nur zu, als gäbe es nun wichtigere Dinge, — oh, immer war er tadellos und paßte sich ein! —
Erasmus, der das Telegramm aufgerissen hatte, warf es hin, stützte die Fäuste auf die Tischplatte und knirschte.
„Nichts!“ sagte er nach einer Weile. „Also noch ein Tag. Morgen will er mir Bescheid geben. Aha, der Filou! Nein, nein, das ist ja klar, die Erfindung ist längst da, er will nur erst andre Angebote abwarten. Und ich hab doch nicht mehr! ich hab doch nicht mehr!“ stöhnte er verzweifelt. Er sah sich um, als ob er in Tränen ausbrechen wollte. Dann schrie er: „Schockschwerebrett, ich werde ihm eine halbe Million hinpfeffern, der Teufel mag wissen, wo ich sie hernehme!“ und lief hinaus.
Kapelle
Renate stand auf und ging bis in die offne Verandatür. Was Josef mit Bogner sprach, hörte sie nicht, aber sie nahm doch den leichten Windzug wahr, der sich um ihren Kleidrock bemühte, und als Wolkenschatten und Sonnengeleucht über die grauen Steinfliesen hinglitten, glaubte ihr immer sehendes Auge den kleinen Windgott zu erblicken, der wie ein kleiner Chinese klumpig mitten in der Veranda saß, drei welke Vorjahrsblätter um sich herumlaufen ließ und über seine nackte Achsel unter ihren Rock pustete, daß sie das kühle Blasen an den Knieen verspürte. Gleich schrak sie wieder zusammen und ging weiter, die Stufen hinunter. Auf dem Rasen liefen die schwarzen Amseln hin und her, pickten mit gelben Schnäbeln; sie hörte die Stare in den unbelaubten Wipfeln, die eherne Scheibe auf dem grauen Sockel der Sonnenuhr glänzte auf und erlosch augenblicklich, fern flammte das Tulpenbeet gelb und rot. Da stand sie und las die alte Zeile im Sandstein:
Vulnerant omnes, ultima necat.
Ach, dachte sie, besinnungslos sich wehrend, ist denn das wahr? — Die Amseln flogen fort, Krokus und Narzissen schimmerten violett, und weiß, und gelb aus dem noch fahlen Gras, das Sonnenlicht erlosch ganz, kühler Schatten hatte alles überflossen, nahebei krähte der junge Hahn, und auf einmal ging ihr der Odem des Frühlings unwiderstehlich durch Mark und Bein, Freudigkeit der süß erneuten Luft, rasche Hoffnung in atemlosem Aufflug, der Vogelruf und der seligmachende Anblick des Sichbegrünens an Strauch und Baum. Fliedersträuche standen da, übersät mit scharfen, feuchten, blanken Knospen. Hinter ihr sagte Bogner:
„Es ist Zeit, sich wie ein Wacholder in die Haide zu stellen und anzunehmen, man hätte Wurzeln.“
„Wollen Sie denn Ulrika wahrhaftig den ‚Flügel‘ ausreißen?“ fragte sie trübe, gedankenlos scherzend. — Bogner sagte, Gott solle ihn bewahren, dann aber ernsthaft: