„Nun wissen Sie ja auch, was damals mich so besonders betroffen hat, als ich Ihren ersten Brief erhielt. Ihr Onkel half mir fort aus dieser Stadt, — Sie halfen mir wieder hinein. Es stimmt vortrefflich.“
Renate, kaum ganz bei der Sache, lächelte matt, verlor aber einen Augenblick darauf fast die Besinnung, als sie — wie zum ersten Male jetzt — seine Stimme hörte, dunkel hinter ihr tönend, eine Stimme aus dem Unsichtbaren. Und — in Schwäche versinkend — dachte sie: Der himmlische Bote ... und wieder: Der himmlische Bote ... Als sie sich dann langsam wieder gewann, hörte sie ihn sagen:
„Dieser Erasmus also brüllt noch genau so wie früher. Damals nannten wir ihn den großen Ajax, und meinen Sie nicht auch, daß er etwas von diesen homerischen Helden an sich hat, denen es nicht einfiel, Ungemach mit unsrer, männlich genannten Schweigsamkeit hinzunehmen, sondern die herausbrüllten, was weh tat? Danach taten sie das Nötige.“
Renate, jetzt in der Kapellentür über den Stufen stehend, eine Hand, leicht erhoben, gegen den Rahmen gestützt, ließ ihr trauriges Lächeln über ihn hinabgleiten, wandte das Gesicht und sah die Fenster drinnen mit ihrer bernsteinfarbigen Verglasung ihr immer sanftes und schönes Goldlicht verbreiten. Hinten glänzte matt die feierliche Anordnung der großen Pfeifen. Nun ging Bogner an ihr vorüber, maß mit leicht ausgestreckten Armen die Breite der Zwischenräume zwischen den Fenstern und erklärte dann:
„Ganz wie ich mirs dachte. Hier müssen Engel aufgemalt werden, am besten Fresken, das wünsch ich mir schon lange, mattfarbene, jawohl, wandelnde Serafim in einer spärlichen Landschaft ganz fern, damit die Musik nicht zu hart aufprallt.“
„Alles, was Sie gern wollen, Bogner,“ sagte sie und ging eilig an ihm vorüber bis auf das Podium, wo sie eine Hand auf das Orgelmanual legte, denn nun konnte sie plötzlich nichts denken, als daß er ja da sei, und was für eine Stimme er habe, und wie gut er aussehe, als sei er aus einem geheimnisvollen Erz gemacht, und durch dieses zog die Angst um Onkel Augustin und um das ganze Haus wie ein schlecht sich wehrendes schwarzes Gewölk, das an vier und sieben Stellen zerriß, und draußen war der Vorfrühling wie eine junge Gottheit überall.
„Wollen Sie nicht lieber gehn, Bogner?“ fragte sie schließlich. „Wir können doch nicht helfen, nicht — ach, du lieber Gott!“ unterbrach sie sich, denn da schwebte Irene in der Tür, noch im Hauskleid, lieblich, gerötet und gelockt wie ein Genius, erregt und strahlenden Auges. Sie flog, ohne sich um Bogner zu kümmern, auf Renate zu, umarmte, küßte und streichelte sie und fragte tändelnd und herumtänzelnd hundertmal:
„Was ist heut für ein Tag? Was ist heut für ein Tag? —“
Renate lachte und sagte: „Donnerstag.“
„Und heut über fünfundzwanzig Jahr,“ sang das Kind, herumtanzend, „heut in fünfundzwanzig Jahren ...“ Und sie faßte ihr Kleid, schwebte mit Menuettschritten vom Podium herunter auf Bogner zu, verneigte sich sieben Male vor ihm, jedesmal tiefer, und sang: „Heute in fünfundzwanzig Jahren, mein Herr, begehe ich meine silberne Hoch—zeit!“