„Jason al Manach, ja, so heißt er, wie Almanach, aber auf der zweiten Silbe betont, das will er so. Ich lernte ihn vor längerer Zeit in Paris flüchtig kennen, in einem Kaffeehaus, und es stellte sich heraus, daß wir beide aus Altenrepen stammen, sogar in dieselbe Schule gegangen sind, aber er ist ein paar Jahre jünger.“ Ein paar Jahre? dachte Georg, ich dachte, er wäre siebzehn! — „Er sprach wenig und schien schwermütig. Dann traf ich ihn vor einigen Wochen wieder im Eisenbahnabteil auf der Fahrt von Paris nach Köln, wo wir das Unglück mitgemacht haben, an das Sie sich wohl erinnern.“
„Ich weiß nicht,“ fuhr der Maler nach einer Pause fort, durch die sich eine Kette von Geknatter des Donners spannte, „ob Sie sich eine Vorstellung von einem Zugzusammenstoß bei Nacht machen können. Nun. Wir saßen einander gegenüber, der al Manach und ich, hatten jeder die Beine neben den Sitz des Andern auf die Polster gelegt, ich war gerade aufgewacht, fröstelnd, weils gegen Morgen ging, und war fast erschreckt von seinen Augen, die mich ansahen wie zwei Kohlenstücke ohne Blick, so daß ich nach der blauen Halbkugel der verschleierten Lampe über mir emporsah. Da flog ich ohne weiteres gegen die Wand gegenüber und quetschte mir die Brust, so daß mir der Atem verging; mit der Stirn schlug ich gegen das eiserne Gepäcknetz, aber es war alles nicht schlimm, und ich dachte nur: Jetzt! Jetzt! — Ja, dann war das Geschrei, dagegen war mein eigenes Entsetzen gar nichts, das war — grausig. Nun. Im Abteil war ein queres Durcheinander von Leibern, aus denen Gestöhn und Schreien quoll, übrigens ist niemandem etwas geschehn. Auf einmal hatte ich den Türgriff in der Hand, öffnete und sprang ins Freie, sehr tief, aber weich ins Gras der Böschung, die ich ganz hinunterkugelte. Nun war alles hoch über mir. Unser Wagen hing die Böschung schräg hinunter; es war der vorletzte; der letzte lag unten, ein schwarzes Gewimmel kroch daraus hervor, dahinter war schwarzes Feld, und ein grünes Licht, und schwache Morgenröte. An der andern Seite lag die vordere Hälfte des Zuges in hellen Flammen, die überall hervorschlugen. In dem Feuerschein sah ich ganz fern die Lokomotive, hoch in der Luft wie ein bäumendes Pferd, das auf ein anderes draufgesprungen ist, dahinter noch ein schwärzliches Durcheinander von Wagen und Stangen. Kleine Flammen züngelten heraus. Es war ein Güterzug. Aus den brennenden Abteilen stürzten schwarze, weiße und brennende Körper heraus, die entsetzlich schrien. Einer rollte die Böschung hinunter, stand in Flammen auf und lief als lohende Fackel querfeldein — nun. Nun nahm ich mich also zusammen, kletterte die Böschung hinauf, nun — und dann half ich, so gut es ging, Flammen ausdrücken und so.
„Nun Jason — — Ja, eins will ich noch sagen, weil es das Schrecklichste war, was ich erlebte. Da hielten zwei Männer eine wahnsinnig schreiende Frau. Ihr Kind lag im Abteil, das brannte, und ich wickelte mir, ohne daß ich dachte, mein Taschentuch um die Hand, riß die zugeschlagene Wagentür auf, sie war glühend, ich merkte es an der Hand, nachdem mein Tuch wie Zunder geschmolzen war, den Schmerz fühlte ich erst viel später. Drinnen war roter und schwarzer Qualm, und ich warf meinen Rock über ein brennendes Bündel, das auf der Bank lag, — ja, ich hätte es wohl besser liegen lassen sollen. Denn als ich der Frau dies — nun, dies Kind auf die Arme legte, starrte sie es an, und dann mich, und dann warf sies an die Erde und schlug auf mich los. Danach habe ich lange Zeit mich um nichts gekümmert. Ich glaube, ich habe irgendwo gesessen und geweint.
„Als ich später aufstand und umhersah, brannten die Flammen aus, und ich ging ein Stück auf dem Bahndamm weiter, um vielleicht noch zu helfen. Da sah ich dort den al Manach sitzen. Zwischen den Knien hatte er den Oberkörper eines Mädchens, dem die Brust zerquetscht war. Sie atmete noch, und mit jedem Atemzug kam eine Welle Blut. Er streichelte sie unaufhörlich und redete ihr gut zu, und ich stand davor und sah zu. Die nannte er auch Angelika. Auf einmal kam kein Blut mehr, und sie atmete nicht mehr. Wie er das merkte, packte er ihren Kopf mit beiden Händen, starrte in ihr Gesicht und stöhnte so merkwürdig. Dann ließ er sich von mir wegführen und sonst mit sich tun, was ich wollte. So nahm ich ihn mit nach Köln. Er war stumpf, saß nur da, aß kaum, brütete vor sich hin. Später murmelte er beständig. Meist redete er mit jener unbekannten Angelika, dazwischen sagte er lange Stücke aus Dichtern auf mit einem merkwürdigen Gedächtnis, aber alles durcheinander. Als ich mit meinem Auftrag in Köln fertig war, las ich in der Zeitung, daß der Herzog hier wäre. Ich hatte Zeit das Bild zu kopieren, und weil ich dachte, die Landschaft hier wäre vielleicht angenehm für den Kranken, nahm ich ihn mit. Ich hielt ihn ja für ruhig und gewissermaßen unschädlich.“ Bogner schwieg.
Ein heftig auflodernder Blitz setzte alle Winkel des Zimmers in Flammen, es war blendend hell, vor der blauflammenden Fensterfüllung erschien das Profil des Malers fast schartig, mit einem Ausdruck von großer Geduld. Georg wunderte sich, wie er mitten in den Blitz hineinzusehn schien. Anna hatte das Gesicht in Händen, aber Georg wagte nicht, sich zu rühren, zumal, alles Vorhergegangene zerschmeißend und austilgend, ein fürchterlicher Donnerschlag über das Dach hinschmetterte, immer weiter tobend, knatternd, dann langausrollend wie ein zornig hinfahrender Gott.
Als nur wieder der Regen langmütig herabgoß, das Mädchen wieder aufrecht saß, still und wie es schien ganz friedfertig, fragte Georg dumpf und gezwungen:
„Ist das nun Schicksal? Einer will sterben, er hat — er meint, den Willen zu haben. Da greift ein andrer ein, ein ganz Fremder, ganz Unwissender, der wollte, daß er lebe — ich meine: war das sein verlorener Wille zum Leben, der eine andere Seele ergriff und zwang, für ihn zu handeln, der sich verloren hatte ...“
Das ist alles so schaurig verwickelt, dachte Georg hülflos, und plötzlich fiel ihm ein, daß er vorher, als er jene Kette nichtiger Notwendigkeiten zusammenfügte, ja nur die eine Seite gekannt hatte. Welche Reihe von Zufälligkeiten sah er nun auf der andern Seite am Werk, um diesen Maler mit dem al Manach einen Tag nach Annas Rückkehr ... Herrgott! schüttelte er dies von sich, das ist, glaub ich, das Schreckliche an mir, daß ich immer alles denken, sehen, begreifen, durchschauen muß. Da geht die ganze Wirkung verloren, weil das Denken mich mehr bewegt als das Fühlen, — arme, kleine Anna! — Indem sagte sie ganz leise:
„Gott weiß wohl mehr von uns, und wie wir zusammengehören, und er führt den einen zum andern, wenn ers für gut hält.“
Da, als ein sanfterer Donner hinter diesen Worten einherrollte, stieg in ihm das Gefühl. Ihm war, als hätte ein himmlisches Tor sich für eine Minute geöffnet, eine Stimme sang die guten Engelsworte heraus, das Tor fiel rollend zu.