Josef zuckte die Achseln voll unsäglichen Bedauerns, und Renate verlegte sich aufs Flehen. „Josef, lieber Josef!“ bat sie, „denk doch an deinen Vater! Hast du denn gar kein Gefühl?“
„Kein deplaziertes,“ sagte Josef.
„Bursche!“ schrie sein Bruder, „Bursche! soll ich dich Gefühle lehren! Achtung vor deinem Vater oder —“ Er drang mit erhobenen Fäusten auf ihn ein; Renate, vom Podium herunter, warf sich vor Josef, der einen Augenblick wie zerschmettert auf den Erasmus starrte, sich dann aber sanft von Renate losmachte, auf ihn zuging, ihm die Rechte auf die Schulter legte und leise zusprach:
„Lieber Bruder, noch ists nicht so weit. Laß mich jetzt meiner Wege gehn. Ich entgehe dir nicht. Laß mir noch drei Jahre Zeit, dann werde ich wiederkommen, und du kannst mit mir tun, was du mußt.“
Er stand noch einen Augenblick bei ihm, nickte ihm brüderlich in das fassungslose Gesicht, ging langsam durch den Raum, die Stufen hinunter, und verschwand. — —
Erasmus blieb in seiner Haltung wie vor den Kopf geschlagen. Nach einer Weile drehte er sein ungeschicktes Haupt hin und her, als versuche er, ob er losgemacht sei, schüttelte sich, ging auf das Orgelpodium, fiel auf den Stuhl und legte das Gesicht in die Hände. Renate — sie wußte nicht mehr ein noch aus — folgte ihm lautlos und begann seinen Kopf zu streicheln, fast ohne daß ihre Hände ihn berührten. Sie bebte an allen Gliedern; etwas in ihr war Josef nachgegangen. Erasmus aber richtete sich auf und begann zu sprechen.
„Du weißt ja viel zu wenig,“ sagte er. „Da sitze ich vor deiner Orgel, — welch eine Zusammenstellung! Ich wars, der hier den unanständigen Radau gemacht hat, wo sonst die Engelstimmen umhersegeln. Und dabei — für wen das alles? Mein Vater hat dies Haus nicht für dich gebaut, und dennoch — —! Wir sind Söhne; die bauen selber. Also soll er gehn mit seiner gepriesenen Ehrfurcht vor dir. Warum war ich auch so wütend? Er hat ja recht, er gehört nicht ins Kontor, ich gehöre hinein. Nein, die Worte waren es nicht, mit denen er mich eben entwaffnet hat; das war die Erinnerung. Ich bin ja als Junge schon mit dem Messer auf ihn losgegangen. Und er sagte nur, so sanft und nachsichtig wie eben: Bruder Erasmus! und ich hätte mich mit Wonne selbst erdolcht. Ist er vielleicht ein Mensch wie ich? Es ist, als wär er gesalbt, und ich hab ihn je und je geliebt. Er war der schönste, gefährlichste Knabe, er bezauberte mit dem Spiel seines Mundes, und ich weiß nicht: ist er wirklich so gefühllos, wie ich ihn gemacht habe, damit ich ihn hassen lernte? Dafür weiß ich, daß, wenn ers verlangte, ich für ihn arbeiten wollte, bis ich tot umfiele, — gesetzt, ich bringe ihn nicht zuvor um. Aber das scheine ich ja nicht zu können. Satis superque. Tu mir einen Gefallen, Kind, geh zu ihm hinauf, sag ihm, er soll seine Sachen packen und morgen nicht mehr vorhanden sein. Ich könnte mich sonst —“
„Ach, nun ärgerst du mich, Erasmus,“ sagte sie liebevoll. „Still! Sag mir nur: kann ich nichts tun? Kann ich nichts nützen?“
Er sah sie mit einem langen Blick von oben bis unten an, so daß sie errötete, ohne daß sie dieses Mal aufbegehren konnte wie zuvor gegen Josef.
„Du?“ sagte er dann, als dachte er ganz andre Dinge. Dann schnob er ärgerlich: