„Wer von uns Beiden ist denn nun der größte Schuft? Wenn er noch von meiner Mutter wäre, — da ist aber diese Jüdin ... Oh ist das nun nicht zum Totlachen? Ich bin der Letzte vom alten Adel und kann nun den Krämer machen und die Reklametrommel schlagen. Was denn zum Henker geht mich diese verfahrene Fabrik an! Er geht seinem Blut nach, und ich —“

Er stockte und sagte verlegen, in eine Ecke sehend: „Du bist doch als guter holder Geist in dies frauenlose Haus gekommen, wie sollt ich mich denn weigern, es zu erhalten!“

„Ja, ja!“ sagte sie hastig, „aber nun laß uns in andrer Richtung gehn!“ Da erschrak sie vor seinen traurigen Augen und hörte ihn gequält sagen:

„Warum soll ich dirs nicht gestehn? Nicht wegen der lumpigen paar tausend Mark hab ich ihn halten wollen, sondern um seines Vaters willen, der ihn braucht, ihn, und nicht mich, und wenn ich mir das Blut unter den Nägeln hervorarbeite, so dankt er mirs doch nicht mit dem Herzen, sondern das läuft seinem ägyptischen Josef nach: ‚Ein wildes Tier hat ihn zerrissen!‘ — Und das bin ich.“

Renate schauderte, wie er sich in sich hineinwühlte. Sie sah eine abgründige Wunde, — mit Sanftmut, mit Langmut zu schließen — wie schaurig!

„Ach!“ entfuhrs ihr, „warum bist du ihm nicht ähnlicher!“

Da machte Erasmus gemeine Augen und fragte sie, warum sie ihm nicht nachlaufe; danach duckte er sich.

Sie sagte nichts. Sie stützte eine Hand auf das Manual und blickte zu den Orgelpfeifen hinauf. Droben erschien Bogners verschlossenes Gesicht; aus den Augen kam Orgelmusik.

„Oh verzeih, Erasmus,“ sagte sie leise, „ich vergaß, was du zu leiden hast.“

„Oho!“ schrie der Erasmus, „das ist ganz was Neues! Ich hätte was zu leiden!“ Er lief großspurig auf der Empore hin und her. „Ich steh nun schon noch meinen Mann. Das sind gefälligst bloß Sachen, Sachen! Wo ich meine Pflicht tun kann, da hab ich mein Haus, basta, verstanden! Ich werde mit allem fertig. Und dies Haus kommt mir wieder in die Höhe, gefälligst! Was du zu tun hast, will ich dir sagen. Die Nächte kannst du meinswegen um Onkel und Vetter weinen und so, tags aber schön sein, verstehst du mich, und Orgel spielen, und Blumen ordnen, schöne Kleider tragen und meinem Vater in die Augen lächeln. Also wie wird das werden?“ Er rechnete mit den Fingern. „Morgen wer’ ich in der Stadt herumlaufen und Gelder zusammentrommeln. Mir geben sie’s schon. Seidel und Mager, — na, das ist egal! Herrgott, wenn sich die Aktiengesellschaft vermeiden ließe!“