Renate traten die Tränen in die Augen. „Was wird nur dein Vater sagen?“

Darauf käme es gar nicht an, schnob Erasmus, er habe nun einmal die Schuld, schuldlos, wie in der Tragödie, und er könne froh sein, wenn sich die Sache überhaupt einrenkte. „Und das sind wir dir schuldig.“

„Ich, und immer nur ich!“ klagte Renate, nun ernstlich erbittert.

Ob sie meine, daß man ihr Wohltaten erweisen wolle; seine und des Vaters Schuldigkeit wäre das, sonst nichts. „Armer alter Mann!“ murmelte er dann doch, „ein dreifacher Schlag, Josef eingerechnet, wenn sie ihn als Direktor anstellen. Du kannst dir ja denn jedes Jahr ein Kleid weniger machen lassen und die Butter dünner aufstreichen. Na, denn also an die Arbeet! Meine Studenten werden sich wundern über die Leere meines Katheders im nächsten Semester; schön, brauch ich mich nicht mehr über die Leere meines Hörsaals zu wundern. Mein Mund ist ganz fusselig geworden von aller Rederei. Aber wir werden glücklich sein, wenn wir dich im Garten sehn und deinen Gang —“

Da er nicht mehr besinnungslos sprach wie zuvor, verwirrte er sich nun, schüttelte den Kopf und ging eilends zur Tür, wandte sich jedoch, kam gefaßt zurück und bat, unter ihr stehend, aufschauend zu ihr mit guten, ängstlichen Augen:

„Geh noch einmal zu Josef! Vielleicht hab ichs nur falsch angefangen. Versuch du’s noch einmal! Du hast ja Gewalt über Menschen.“ Er ging fort.

Sie blieb auf der Empore stehn. Durch die bernsteinfarbigen Fenster füllte das wechselnde Licht den Raum mit breiten Wänden von Goldrauch. Sie selber stand in solch einer schimmernden Wand von Millionen vergoldeter Atome, sie mußte sich selbst sehn im kleinen Spiegel über dem Manual, sah sich leuchten und daß sie wie eine Göttin in der Wolke stand, — und war nicht vor Minuten erst Irene hereingetänzelt, schillernd wie eine Götterbotin, um ihre Hochzeit anzusagen? Oh Magda, dachte sie, warum hast du nur das geschrieben damals! Nun kann ich ihn nicht anstrahlen mit allem, was ich habe, und vielleicht geschiehts nur darum, daß er mich nicht sieht, — sieht er mich denn? Wie ich ihn doch gleich erkannt habe, gestern im Dunkel ... Sie schreckte auf. „Josef wird mir doch sehr fehlen,“ sagte sie leise und ertappte sich darüber, daß sie ihn sich schon ferne dachte.

Ein Schatten wanderte ruhig durch den Raum, nahm die goldenen Wände wie große Garben auf und fort; aber hinter ihm richteten sie sich jubelnder auf. Draußen war ein Gezwitscher wie von hundert Vögeln; hoch oben frohlockte die schwarze Amsel. Renate verlor sich. Ihr war zum Sterben schwer zu Sinn, und so ging sie mit ihrem langsamen Gang und mattem Herzen, um mit Josef zu reden.

Erker

Renate trat ein. Ferne, am Ende des lang vor ihr liegenden Raumes stand Josef, ein wenig links in der gotischen Fläche von lichtem grünem Glase, die über ihm zur Spitze zusammenlief. Hastig und wie zur Sammlung blickte sie noch einmal umher, bemaß die schulterhoch an den beiden langen Wänden sich hinziehenden Borde voller Buchrücken mit den tannengrünen Vorhängen, fing aus den farbigen Holzschnitten darüber den Umriß eines blauen Berges, ein fremdartiges Gesicht auf, und während sie an Sesseln und Tisch vorüber bis zum Erker vorschritt, hörte sie nur, wie er langsam gesagt hatte: „Renate ...“ Es hallte in ihr nach, es bewog sie schon. Dann sah sie sein Gesicht, das gepanzert schien mit allen Zaubern seiner Männlichkeit, und sie warf einen Blick durch eines der kleinen Quadrate im Fenster, das dicht neben seinem Gesicht geöffnet war: nur blauer Himmel und leichtes Gewölk war darin. — Er rückte einen alten Stuhl mit hoher und steifer Rückenlehne voll Silberstickerei auf grauem Grunde etwas anders, und sie setzte sich. Da sprach er auch schon.