„Nun wollen wir von der Liebe reden,“ sagte er mit leichter Bestimmtheit. „Gäbe es hierzu einen Tag, wenn nicht den heutigen? Jeder redet heute von Liebe, dieweil es Frühling ist, jeder von der seinen, und alle herrlichen Reden münden in die eine und sind die eine. Ach, es ist wohl Frühling! Du siehst ihn überall, du hast ihn, du trägst ihn. Da, schau durch dies kleine Quadrat hier unten —“ er öffnete eines in ihrer Kniehöhe und schaute mit ihr hindurch — „was erblickst du? Kleine Pferdchen, die auf einer Wiese herumlaufen. Das ist der Frühling. Warum sollten kleine Pferdchen auf einer Wiese nicht der Frühling sein? Mein Rock, der flaschengrüne, ist Frühling durchaus, und du, hast du nicht Brust und Schultern in goldene Seide eingeschlagen? Holdes Wesen, sage mir an: Glaubst du, daß einer schweigen könnte vor deinem Mund an solch aufbrechenden Tagen?“

Renate, alles mit Kraft verscheuchend, was sie verscheuchen wollte, lächelte mit ihrer stärksten Kunst zu ihm auf, denn dies, wußte sie, war die einzige Rettung. Er stockte denn auch alsbald, lehnte sich in den Fensterwinkel zurück, streckte beide Arme wagrecht nach links und rechts, die eine Hand ins Paneel, die andre in den Eisenrahmen des offnen Quadrates krallend, und lächelte hinwieder, bestrickender, gütiger, ihr Lächeln niederzukämpfen mit dem seinen, und sie dachte: Wie lange halt ich stand? Noch halt ich stand. —

„Sage mir, wen du liebst, Renate,“ begann er von neuem, „und ich will ihn dir beschreiben. Ich will ihn dir mit Feuer auf Gold malen, und du sollst dich funkeln sehn rundum von seiner Herrlichkeit. Ach, sieh doch, Renate,“ sagte er, seine Augen bei jedem dritten Wort seitwärts schleudernd, um einen lohen Pfeil nach dem andern nicht in ihr Gesicht, sondern nach den Umrissen ihrer Gestalt abzuschießen, als wäre er ein Indianer und sie am Marterpfahl, „sieh doch, ich könnte mich loslassen auf dich mit all meiner Gewalt, aber hältst du mich für fähig, einen Angriff zu unternehmen ohne Gewißheit des Sieges? Habe ich nicht meinen armen Bruder Erasmus besiegt mit einem einzigen Seitenhieb? Da kommst du nun als seine Botin, weißt, daß es nur des winzigsten Wortes bedarf, um mich wie den ersten besten Sperber auf deinen Handschuh zu fesseln, aber du sprichst das Wort nicht. Ich weiß alles.“

Sie ließ nun alles fallen und sagte einfach: „Ich wollte dich für Erasmus und deinen Vater bitten, das nicht zu tun, was du vorhast.“

„Nicht von der Liebe zu reden, heute,“ sagte er betrübt, „das ist traurig. Dann also vom Aufbruch. Auch Liebe ist Aufbruch sondergleichen; von Sonnenaufgang her, vor Hahnenschrei kommen die Liebenden und wollen die Welt durchmessen in einem Augenblick. Sie brechen auf mit den Winden, sie reisen geschwinder als Wolken, kein Vogel fliegt ihnen voraus. Sie schweifen und denken an nichts, sie denken, daß sie schweifen und ergriffen sind von Wind und Natur. Heute bricht alles auf mit dem liebenden Herzen, bricht durch die Wände des Daseins, die sehr verengten, und stürmt. Warum erschrickst du? Rede ich von uns?“

Renate, die nicht gewußt hatte, weshalb sie zusammenzuckte, erschrak nun wirklich bei dem jählichen ‚uns‘, aber ein heimliches Wetterleuchten zeigte ihr den guten Weg. „Sage mir, — was ist sie für ein Mensch, die, mit der du —“

„Völlig geschlagen,“ bekannte Josef mit Würde und bat um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen. Als die Zigarette brannte, begann er nachdenklich:

„Ich hoffe, du hältst sie für keinen besonderen Menschen, weil sie für unschicklich geltende Dinge tut. Viele gutherzige Frauen gaben schon einen Geliebten hin für einen Ehemann wegen Leibes Nahrung und Notdurft, und sie wollte lieber Nahrung und Notdurft für ihr liebes Herz. Sie war eine Tänzerin und brach den Fuß. Nun stopfte sie Strümpfe für viele Geschwister, da nahm ich mich ihrer an, tatsächlich nur, weil sie mich dauerte, erst später gewöhnte ich mich an sie, und paßt sie nicht gut zu meinem Dasein in einer solchen Stadt? Sie ist glücklich.“

„Armer Josef!“

„Sie ist“, fuhr er ungerührt fort, „glücklich, denn sie war schon fünfundzwanzig Jahre alt, leidet an völligem Mangel an Koketterie und wäre als Frau eines Mannes aus ihren Kreisen so bald bitter geworden wie als alte Jungfer. Sie ist glücklich, soweit ein Mensch das sein kann im Leben eines Andern, denn wären wir verheiratet, so würde sie doch an hundert alltäglichen Leiden kranken, und jetzt krankt sie nur an dem einen — nicht mit mir verheiratet zu sein. Alle Ehen kranken daran, daß sie in Räumen vor sich gehen, die unsere aber haust in Zwischenräumen wunderbar. In einem und demselben Zimmer entblößen zwei verheiratete Menschen sich schamlos, ohne Liebesnacktheit, verrichten die eigenhändigsten Dinge voreinander und bringen es fertig, den Odem ihrer Schlummerleiber im Dunkel zu kreuzen, da fällt auch von ihren kümmerlichen Seelen jegliche Bekleidung, und sie müssen an zu bellen fangen vor Ärmlichkeit und Schande. Ich bedenke ihre Wehrlosigkeit und habe sie niemals gekränkt, außer einmal am gestrigen kranken Tage. Sie wird immer zu herrschen suchen, solange sie nur ihre Person einzusetzen hat und nicht ein Gesetz, das ihr verschaffen würde, was sie grade von mir haben will. Sie fühlt sich als Ausnahme, und das giebt ihr hundert Rechte ...“