„Glaubst du denn im Ernst, Josef, daß dies sich so verhält?“
„Gewiß. Zugespitzt, schlackenlos, wie ich es ausgedrückt habe, wäre es das Ideal.“
„Es sind aber doch gerade die Kleinigkeiten, die geringfügigen Widerspenstigkeiten des Daseins, die —“
„Und gerade die sind es, die wir vermeiden, indem wir in Intervallen leben. Uns ist nichts gemeinsam als das Gute, mit dem wir uns beschenken, wenn wir uns wiedersehn, durch Freude des Wiedererkennens, durch Nähe des Scheidens, durch die Schmäle des Zeitraums ganz ohne unser Zutun zu jeder Güte, jeder Zartheit, jeder Verzeihlichkeit, jeder Nachgiebigkeit bewogen, und immer ist unser kleines Weltgeschehn um ein weniges verändert, worüber wir uns zu verständigen haben. Was wäre angenehmer, ja entzückender, ja notwendiger, als einander hier und da und immer wieder fremd zu werden, neu zu werden? Ach, Renate, wie erst würde ich dich anbeten, wenn ein Gott mir dazu verhülfe, dich jede Nacht zu vergessen, dich jeden Tag von Grund aus neu aufbauen zu können!“
Da hatte er sich, wie ein Bumerang, wieder auf dieselbe Stelle zurückgeschwungen. Renate aber fand ein andres Mittel, flammte ihn zornig an und sagte:
„Beschreibe mir deine Liebe, Josef, wenn du meinst, ich sei dazu heraufgekommen.“
Langsam nahm er seine Augen aus den ihren fort, wandte sich und sah durch die Fensteröffnung. In dieser Stellung sagte er nach einer Weile halblaut:
„Wie die Wolke steigt, läßt sich berechnen, ja, der Flug der schwarzen Amsel ließe sich eher erraten als die seltsame Richtung des menschlichen Herzens. Es ist häßlich eingerichtet. Wenn ich als ein Engel vom Himmel käme, so würdest du mich doch nicht lieben, aber wenn du mich liebtest, würdest du mich für einen himmlischen Engel ansehn, denn nur, was es freiwillig will, tut das Herz. Ein Mensch kommt deines Wegs entgegen, und er ist schon ein Abgrund, in den du gestürzt bist ahnungslos, und dort blickst du in eines Menschen Brust als in den verlockendsten Schlund, aber du hütest dich wohl am Rande. Ich weiß, wir sind nicht füreinander bestimmt. Dies aber, siehst du, Renate, dies ist der schaurige Mangel in deiner Schönheit. Sie stiehlt dir deine Seele. Nichts spürt der dich Liebende als diese deine Schönheit; dein Herz, deine Seele höchstens als eine liebliche Glorie um den Kelch, aber nicht als mehr, und es ist nichts in ihm als Hingerissenheit, Brand und Verlangen nach dir, die da sitzt in einer goldenen Bluse. Die schwarze Amsel stürzt ins Pharuslicht beseligt, dies ist alles. Wie du gehst und stehst, wie du issest und trinkst, wie du lächelst und mit der Hand in dein Haar faßt, alles das ist gewaltig ganz allein und wendet das Herz um und um in der Brust, — wozu brauchtest du eine Seele? Für dich allein, was nützt sie dir? Niemand sieht sie, niemand will sie sehn, aber deinen Fuß zu küssen, dafür wären einem sieben Seelen feil, wenn man sie hätte.“
Auf einmal hatte er ihre Hände sanft aufgenommen und im Schoß zusammengelegt; er sagte, während sie an seinen Augen hing:
„Wenn ich anderthalb Jahre fortgewesen bin, glaubst du, daß du mich dann — kennen wirst?“