Renate fühlte sich plötzlich unsagbar müde, als habe sie die ganze Zeit eine eiserne Stange mit ausgestrecktem Arm gehalten. Sie schloß die Augen, sah, sie wieder öffnend, daß Josef nicht mehr vor ihr war, und dachte ergeben: Wie wunderbar! Ich hatte ja erwartet, daß er mich überzeugen würde, wie notwendig sein Fortgang für alle sei, aber daß er mein Herz zu sich umwenden würde wie eine Blume am Stiel, das dachte ich nicht. Und wozu nur das alles, und warum ist das, daß ein Herz sich so weit biegen läßt, und man weiß doch, das letzte Stück Weges wird nicht gelingen?
„Sieh, Josef,“ sagte sie leise, „was ist nun das für ein Triumph für dich, daß du mich hier schwach gemacht hast? Es war so unnötig, finde ich. Du kannst mir aber nun ruhig sagen, warum du fort willst.“
Sie hörte ihn leise lachen hinter ihrem Rücken und gleich darauf seine Stimme, völlig verdunkelt und ernst: „Ich habe dich eben etwas gefragt.“
Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Sie dachte inbrünstig an Bogner und glaubte jetzt zu wissen, daß er niemals kommen würde. Sie verzweifelte, es brauste um sie, es schien ihr unmöglich, nur eine Woche auf ihn warten zu können, weil er niemals kommen würde; sie fühlte, daß Josef vor ihr stand, und hörte ihn sagen, auch sie werde ja nicht anders sein wollen als die Andern: einen Mann, ein Haus, ein Kind, ein sogenanntes Glück, — „habe ich dir weh getan?“ schloß er, und obgleich sie fast staunte, daß er eine dermaßen plumpe Falle stellen konnte, war sie ihm nicht gram, sondern ließ nur die Hände vom Gesicht fallen und sagte erlöschend:
„Weh? Nein, du hast nur meine Antwort nicht abgewartet.“
Nun wars still. Sie stand auf und blickte in die dunstige Mittagslandschaft hinunter, sah die kleinen Pferde zwischen Wasseradern herumtraben, sah einen Zug, wie er winzig klein über die schnurgerade Linie des Bahndamms hingezogen wurde, und die Qualmstreifen der fernen Fabrikessen langsam und friedlich nach Osten ziehn.
„Du fragst zu spät, Josef,“ sagte sie müde.
Eine kleine Zeit darauf hörte sie ihn aus dem Hintergrund des Zimmers in beinah kaufmännischem Tone sagen:
„Also weißt du nun die Gründe, weshalb ich gehe, alle drei. Mein Dasein verengte sich hier bis in den Gang, wo dein Name geschrieben steht. Heut geh ich, weil es mir nobel erscheint, arm zu gehn. Wozu denn überhaupt die großen, alles hochschnellenden Worte! Gehe ich für ewig? Scheide ich unversöhnlich? Und hältst du meinen Vater schließlich, ganz abgesehn von seiner Liebe zu mir, für einen Menschen, der kein Verständnis dafür hätte, daß ich hier wie eine Quecksilberkugel auf eine schiefe Ebene gelegt bin?“
Freilich, dachte Renate, die sich langsam wieder gewann, er geht nicht für ewig, und dies alles ist wohl nur durch Erasmus so aufgetürmt.