„Jeder Schritt, jeder kleinste, zu etwas hin,“ hörte sie ihn hinter sich sagen, „entfernt dich von etwas andrem, und somit ist es nicht möglich, in dieser Gemeinschaft nur das geringste tun zu wollen, ohne eine Schuld auf sich zu laden. Da es nun ohne Schuld nicht abgeht, so will ich, daß es diese sein soll.“
Renate aber hatte wohl die Worte, aber nicht ihren Sinn vernommen, wandte sich jetzt, plötzlich überleuchtet vom eigenen Triumph, sah ihn mit dem Rücken an die Bücherwand gelehnt, seltsam einsam und verloren aussehend, und sagte, nahe vor ihn tretend, mit Nachdruck:
„Ich werde dich niemals lieben, Josef.“
Er lächelte kärglich, in seinem Gesicht bewegte sich etwas Sonderbares, das sie ergriff, so daß sie die linke Hand auf seinen Kopf legte und ihn langsam hinunterpreßte, bis sein Mund ihre rechte Hand berührte. Währenddem sagte sie, nun zärtlich vor Mitleid:
„Du hast als Knabe niemals zu weinen gebraucht, mein guter Junge, und deshalb hast du es nie gelernt, und deshalb weißt du auch in diesem Augenblick nur dunkel, was Weinen ist. Vielmehr ist dir sonderbar wohl, indem du bedenkst, daß du heute das erste Mal unterlegen bist, — fast könnte dich das trösten.“
Sie ließ zu, daß er ihre Hand mehrere Male mit den Lippen berührte. Er lächelte, als er aufsah, als sei er nun befriedigt, und sagte leise:
„Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist ... dieses Zitat schwebte dir vor. Warte, ich will dir noch einen Vers von mir sagen, den ich in diesem Augenblick gemacht habe: Du fremdes Kind! — In deinen Augen spiegeln sich die Sterne — Auch tags, wenn sie dem Aug nicht sichtbar sind.“
„Danke!“ sagte sie.
„Oh bitte!“ sagte er, und sie lachten Beide, leise, herzlich und wie Versöhnte, — während vor Renates verschleierten Augen die sanfte und grüne, gotische Glaswand, leuchtend golden von der Sonne, sonderbar zu beben und zu schwellen schien vom Strom aller Worte, der an ihr hinaufgerauscht war, — worauf er die Uhr zog und sagte: „Halb eins. Wir müssen uns anziehn.“
Sie nickte ihm zu und ging leicht und leise hinaus.