Im Treppenhaus oben blickte sie, auf das Geländer gestützt, in den Schacht hinunter. Ihr Herz schlug auf einmal mächtig in der Brust an, sie hörte Josefs ‚wir‘, das belanglose, das er zuletzt gesagt, und mit dem er sie beide doch nach dem Kampfe zusammengefaßt hatte, als hätten sie die ganze Zeit nur benützt, um Freunde zu werden. Aber in diesem Augenblick legte sich die Erinnerung an den Onkel und Magda wie ein dumpfer Ring um ihre Brust, und als sie ihn abriß, weinte sie laut. Angst, Josef könne sie hören, jagte sie die Treppen hinunter in ihr Schlafzimmer, wo sie, gerüttelt durch und durch, kein Ende finden konnte mit Tränen, bis die Zofe mahnte, daß es höchste Zeit sei zum Anziehn.
Sechstes Kapitel
Wald
Georg saß auf einer Bank im Walde.
Von einem häßlichen und kaum anständigen Gefühl im Magen abgesehn, befand er sich überaus wohl, lieblich durchwärmt von der höher steigenden Sonne, vor den halbgeschlossenen Augen das zarte Flimmergespinst des Lichts, vor den hin und wieder geöffneten die geräumige Windhelle der Lichtung, von der ein sandiger Fußweg ihn trennte, und darin die weit auseinanderstehenden braunen Stämme und schwarzgrünen Schirmkronen der Kiefern, unten Wildnis von Farnkräutern und Brombeergestrüpp, mit den schönen rostroten Dornranken wie von Eisen —, hinter dem allem schließlich die schöne Bewegtheit des unwiderstehlichen Frühjahrshimmels, wo es wogte von unhörbarem Jauchzen, von Anmut und Leichtigkeit in Silberflocken und fliegender Bläue. Wenn die Sonne dann lichter hervorquoll, in alle grünen Winkel alles erfreuend hineinglänzte, so schwoll mit allem sein Herz, als dehnte Lichthauch und Lufthauch es von innen, und traumhaft ganz hingegeben, konnte er hübsche Entdeckungen gedanklicher Natur in sich machen wie etwa die Erkenntnis, daß jenes Gefühl von Zuversicht an holden Apriltagen jedenfalls daher rühre, daß bemerkbar wird: auch diese große, unbändige Natur ist bekannten Gesetzen unterworfen, — es muß doch Frühling werden! Wieviel Genugtuung für Kaiser und Bürgersmann! — Erlosch aber die Sonne, senkte sich mit den Schatten die Wölbung seines Gefühls, und es ward enger in ihm, — war alle Tapferkeit mit eins aus den Wipfeln, Mutlosigkeit um die grünen Spitzen gefallen, die ergraut standen, zitternd, ängstlich, — so fiel er, unfreiwillig, der allgemeinen Beklommenheit mit anheim und empfand unglücklich die tiefe Ratlosigkeit der Fragen um ihn her: Mein Gott, wo ist das Licht geblieben? Warum ist es fortgegangen? Und dann erschien ihm auch, als wäre sie es, die mit breitem Schatten den Glanz verdeckte, Magdas traurig abgewandte Gestalt, erloschen rund um sich her wie der sonnenlose Augenblick, — da ging sie wieder neben ihm, von innen gehalten, gefesselt in ihrem Gang, und in ihrem Herzen — — ihrem Herzen ...
Ach, sie wußte es nun doch! die Wahrheit hatte sie nun, war es nicht besser als ... Ah! Mit dem wieder hochquellenden Golde im glücklichen Grün wich die lastende Schattenhand auch von seiner Brust, er atmete auf. Sie wußte es, — welche Erleichterung! Erleichterung — für ihn, ja, ob aber für sie?
So saß er denn im Wechsel der Natur und im eignen, gedämpfter Traurigkeit überliefert, im warmen Labyrinth seines Gehörs, seines ganzen Innerns, das unablässige Vogelgezwitscher der Nähe und der Ferne, den metallenen Finkenschlag, den Gesang des Baumläufers, fernher den eintönigen Zweiklang des Zilpzalp, und wie aus einer blaugrauen Wolke heraus das schläfernde Gurren der wilden Taube. Ein wenig drückte im Rücken das Holz der Banklehne, aber er saß doch weich in sich selber, ganz versunken in offene Lässigkeit, im Pendelschwingen des Lichts beklommen und froh, ja wie in einer wesenlosen Schaukel fühlte er sich, beim Vor- und Aufschwung munter und kühnlich, im Zurückfallen vom Schwindel süßlich geängstet, immer in Wärme und köstlicher Wehmut.
Oh daß ich dieses doch habe, dachte er, diesen selbstverständlichen Rückzug in mein eigenes Innere; dorthin, wo es Natur ist, Hingebung an Licht und die Luft, an Vogelruf und dies kühle, dies schaurige Sausen in den Kronen. Was schließlich verschlägt da eine Nacht wie die letzte! Man sollte es nicht tun, freilich, Sinn hats auch schon gar keinen, man sollte es nicht, gerade wenn man, wie eben ich, nur so hineingerät, so lustlos und versehentlich, und es wird auch nicht wieder vorkommen. Das war bloß München, das mir noch nachhing. Oh Renate!
Unter einem zitternden Schlage im Gehirn setzte Georg sich auf, geblendet, legte die Ellbogen auf die Knie, seinen Gehstock in der Mitte packend, und sah eine Weile lang nichts als den Staub in den Falten seiner Lackschuh, das braune Gold der Strümpfe und zwei, am Ende zusammengeheftete Fichtennadeln, die im Aufschlag seiner dunkelgrünen Hose steckten. Die kleinen Steine, der Sand und die Spuren von Füßen und Striche von Stöcken darin sahen ihn fremd an in lebloser Wesentlichkeit. Er seufzte auf. Du lebst, Renate, ach, daß du lebst, was will man denn mehr? — Und Georg bewog sie, zu erscheinen, sie und sich belistend, daß sie immer schöner würde und vollkommener, und so kamen erst nur ihre Augen zum Vorschein, im Dunkel, unterm Vorhang der Zweige, ihr Arm, nun — nun der Augenaufschlag gegen ihn, — er erbebte, er wollte ihn fassen, er war fort. Alles was Blau war in der Welt, mußte in diesem nächtigen Schwarz enthalten sein, Sommerhimmel und das dunkelste Buchtenwasser, Bergseen und grünes Eiswasser, — und nun — ihr Gesicht, ihr Mund, und ihr Haar, — Gott im Himmel, welch Haar! Da stand sie auf dem Rasen, das Licht fiel von oben über ihre abgewandte Gestalt, über das hangende weiße Dreieck des Schals, über ihr Haar von stumpfem, hellem Braun — dürres Buchenlaub, wars nicht so? — von einer goldenen Spinne überwebt. Und von ihren eigenen Bewegungen war sie ganz umrieselt wie von unsichtbaren Wasserfalten, in denen es blühte. Gott verzeih mir, Anna, aber nun ist das so gekommen, und wie kann ich denn anders! Mußte es nicht einmal kommen? Habe ich nicht durch Monate gelitten, damals, wie sehr gelitten, nachdem du von mir warst? Wie lassen sich solche Selbstbezwingungen dann rückgängig machen? Wie sollte ich dich wieder hineinholen in mich, nachdem — — freilich, daß ich dich austreiben konnte! Und wie kann ich denn gegen mein Herz?
Ein Kohlweißling taumelte aus dem Brombeerdickicht hoch, zog über den Weg daher, schaukelte höher, taumelte vor einer unsichtbaren Gewalt abwärts, beschrieb um einen der braunen Stämme einen haltlos flattrigen Kreis und fiel ins grünende Buschwerk. Es zwitscherte — oh wie es zwitscherte! Überdem kam Josef Montfort ihm in Erinnerung.