„Gewiß,“ antwortete der Maler, „das verlangt die Natur.“
Georg setzte sich wieder, stützte die Ellenbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände und ergab sich; dieser Maler war ein Fels. Da hörte er Magdas Stimme, irgendwie verändert, blickte vom Boden auf und sah sie dicht vor Bogner stehn; schlank, weiß, die Hände vorm Schoß zusammengelegt, stand sie mit leicht geneigtem Kopf wie eine Bittende.
„Herr Bogner,“ sagte sie, „ich möchte Ihnen gern etwas sagen, Sie etwas — fragen, denn ... Ich hab auf einmal solches Vertrauen zu Ihnen ...“
Also nicht zu mir? fragte Georg sich gekränkt.
„Ich hab Angst, Gott, ich hab solch wahnsinnige Angst!“ stammelte sie plötzlich. Beide sprangen auf und traten zu ihr, aber sie wehrte ab und sagte sanft, es sei schon vorbei.
„Darf ich es sagen?“ fragte sie wieder. „Es ist freilich sehr sonderbar. Es ist — mir ist einmal von einer Zigeunerin prophezeit worden, aus der Hand, und das fängt jetzt an einzutreffen.“
Sie setzte sich in die Sofaecke wie erschöpft. Es war wieder still im Zimmer, das Gewitter ließ nach. Bogner öffnete ein Fenster; wundervoll floß da, gleich erbötig, die Erfrischung herein. Der Regen ging in geradem, leichtem Strom draußen nieder, alle Ferne war darin verschwunden bis auf den Schatten des Windmühlenkreuzes. Als habe der Maler ihr mit dem Öffnen des Fensters eine beruhigende Antwort gegeben, fuhr das Mädchen nun fort.
„Es war auf einem Ausflug mit unsrer Genfer Pension, da trafen wir Zigeuner, in einem französischen Dorf. Sie ließen sich alle aus der Hand prophezeien, auch die Lehrerinnen, und sie bekamen alle nette Weissagungen, Briefe und Heiraten und Geld, und es paßte immer, was jede heimlich gewünscht hatte. Ich mochte das gelbe Weib nicht mit den weißen Flecken im Gesicht, aber dann drängten die andern mich, und sie nahm meine Hand und sah sie erst gleichgültig an wie die andern Hände, aber es klang schon so merkwürdig, was sie murmelte: Coeur de fleures ... ich behielt es gleich wie einen Vers: Coeur de fleures, — coeur sans peur ... Aber dann sah sie mich scharf an und sagte, da wäre wenig Freude zu sehn, das Schlimme aber erführ ich ja früh genug, wenn es käme. Nun wollte ich auf einmal mehr wissen, da zog sie mich abseit und flüsterte mir zu, sie würde mich schon finden, wenn ich allein wäre, und damit lief sie weg. Als ich nun ein paar Tage später mit Renate, mit meiner Freundin, im Garten auf und ab ging, stand sie auf einmal am Gitter. Und dann hat Renate zugehört, wie sie aus den Linien hier in meiner Hand las, und sie sagte mir erst aus meinem vergangenen Leben genau Bescheid, — ich weiß nicht, woher sie das erfahren haben soll — von Papa und dem Herzog und dir, Georg, und von Mamas Tode, was sonst keiner weiß —“
Georg, unter einer angenehmen Empfindung errötend, sagte möglichst vernünftig: „Sag mal, sollte sie das nicht aus dir herausgefragt haben?“
„Vielleicht, aber — darauf kommt ja nichts an. Sie prophezeite mir nämlich, ich würde dreimal einem Menschen das Leben retten —“