Er las:
Promemoria
An seine Durchlaucht, Woldemar August Emanuel, Herzog in Trassenberg, Fürsten ... folgten sämtliche Titel. Darunter stand ein Datum: 9. Dezember. „Ich glaube,“ antwortete Georg, „Chalybäus ...“
„Ja. Also lies.“ Georg las.
„Am Nachmittage des 30. Juli des Jahres 18... um sechs Uhr traf, wie Euer Durchlaucht bekannt sein dürfte, die Depesche ein, welche den schrecklichen Unfall Euer Durchlaucht vermeldete und, da ich zu spät von derselben erfuhr, ohne daß ich es hätte verhindern können, in die Hände Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin gelangte, deren Entbindung, wie mir selber noch am Morgen dieses Tages von Herrn Geheimrat Professor Dr. Schröder mitgeteilt worden war, am nächsten, ja vielleicht schon am selben Tage noch zu erwarten war. Herr Geheimrat Schröder war, da sein Aufenthalt in Helenenruh in Böhne bekannt geworden war, von einer Familie dorthin gebeten worden. Ich geriet daher in begreifliche Aufregung, als mir durch den Diener (Suttner) der Auftrag Ihrer herzoglichen Durchlaucht erteilt wurde, sofort den Opelwagen unter Verdeck vorfahren zu lassen. Die Willensfestigkeit Ihrer herzoglichen Durchlaucht ist Euer Durchlaucht zu bekannt, um Euer Durchlaucht nicht einsehn zu machen, daß jeder Widerstand meinerseits nichts bedeuten konnte.“ Die langen Sätze, das barbarische Deutsch und die vielen Durchlauchten wimmelten Georg vor den Augen, aber als er den Blick erhob, traf er auf seinen steif dasitzenden Vater, und Georg begriff, daß gelesen werden mußte.
„Ein Zug nach Altenrepen ging, wie Euer Durchlaucht bekannt, erst am späten Abend durch Böhne. Zu allem Überfluß hatte ich den Chauffeur Mielke zu einem Besuch seiner Mutter beurlaubt, da derselbe seit Wochen keinen Dienst hatte zu tun brauchen, und war zu vermuten, daß dies auch in den folgenden Tagen der Fall sein werde. So begann denn in der Tat gleich darauf jene, uns allen als ein Wahnsinn erschienene Fahrt mit mir selber als Lenker.
„Im Schreiben wird mir bewußt, daß die meisten dieser Tatsachen Euer Durchlaucht längst bekannt geworden sind; gleichwohl scheint es mir notwendig, von dem Verlauf des Ganzen eine Schilderung zu geben, wie sie sich mir selber in jenen Stunden ergab.“ Georg, in Verzweiflung über das schauderhafte Sprachgewächse, las verbissen weiter.
„Nach Zurücklegung kaum eines Kilometers stellte es sich; wie zu vermuten gewesen, heraus, daß die Erschütterung des Wagens eine Unmöglichkeit für den Zustand Ihrer Durchlaucht bedeutete. Ihre Durchlaucht selbst, die dasselbe bemerkten, befahlen mir daher, die höchste Geschwindigkeit anzuschlagen, in der Tat, so unglaublich es klingen mag, die einzige Möglichkeit, da mit zunehmender Geschwindigkeit, wie Euer Durchlaucht bekannt, die Erschütterungen sowohl geringfügiger als auch ebenmäßiger werden. Ich schaltete also schaudernden Herzens die höchste Geschwindigkeit ein, — genug! Ich war nie ein sicherer Fahrer und nur Amateur. Gott allein ist es zu danken, daß nicht das Furchtbarste passierte.“ Georg empfand ein leise schauderndes Staunen über diese, unbewußt von ihm zurückgelegte Fahrt und las weiter.
„Der Witterung nach hätte man den Tag als einen zum November gehörigen bezeichnen können; derselbe war grau, naßkalt, die Landschaft mit Nebel verdeckt, es dunkelte bereits um sieben ein halb Uhr so stark, daß es unmöglich schien, ohne Laternen weiter zu lenken, und hielt ich einen diesbezüglichen Aufenthalt von zwei Minuten für geboten. Dann ging es mit ungeminderter Geschwindigkeit weiter, um acht Uhr zwölf Minuten jedoch mußte ich zugeben, mich verirrt zu haben. Wir befanden uns in den fürstlich allendorffschen Kiefernwaldungen. Einige Minuten später blieb der Wagen stehn, der Ölbehälter war versiegt; in meiner Aufregung mußte ich ihn vergessen haben. Ohne Ahnung, wo wir uns befanden, in Finsternis unbekannter Wälder, hörte ich aus dem Wagen das Stöhnen der hohen Wöchnerin. Die neben mir sitzende Kammerfrau Biedenweiler eilte, einen Schwächeanfall infolge der rasenden Fahrt nur mühsam zurückhaltend, sofort ihrer Durchlaucht zuhülfe. Was war zu tun? Konnte ich die hohe Frau schutzlos im Walde zurücklassen? Zweifellos, wie das immer heftigere Stöhnen verriet, hatten die ersten Wehen bereits begonnen. Selber von der Fahrt auf das äußerste angegriffen, getraute ich mich nicht von der Stelle, wenn nicht plötzlich ein junges Mädchen, eine Magd, im Licht der Wagenlaternen aufgetaucht wäre, welches fragte, ob uns mit irgend etwas zu dienen sei. Auf meine sofort eingezogenen Erkundigungen erfuhr ich, daß wir uns kaum zehn Minuten von dem, nur aus wenigen Häusern bestehenden Kurort Meysensang befanden, und sollte, keine zwölf Schritte von unserm unfreiwilligen Halteplatz entfernt, an der Straße die Villa einer Frau Müsing stehen, zu deren Haushalt das Mädchen gehörte. — Welches alles Euer Durchlaucht gewiß in Erinnerung ist.
„Ich ließ nun die hohe Dulderin im Schutze der Kammerfrau zurück und begab mich unter der Führung des Mädchens oder der Magd nach dem Hause das alsbald zu entdecken war, und hatte dasselbe in der Richtung unserer Fahrt keine Fenster, weshalb ich es nicht hatte erblicken können. In der Haustür traf ich auf eine große, grobgebaute Frauensperson; es leuchtete ihr weißes Gesicht auf eine seltsame Weise aus dem Dunkel des Hausflurs. Auf meine Frage, ob sie die Eigentümerin bzw. Besitzerin des Hauses sei, gab sie mir mit einer tiefen, fast männlichen Stimme zur Antwort, sie wäre die Hebamme. Die Seltsamkeit dieses Zusammentreffens klärte sich alsbald dahin auf, daß im Hause eine Geburt erwartet wurde; die bald herbeigeeilte Besitzerin des Hauses, eine jüdisch oder polnisch aussehende ältere Dame, sprach in unvollkommenem Deutsch von einer Verwandten, die ihrer Entbindung entgegensehe. Aus Gründen, für die ich späterhin keine Erklärung in meinem Innern auffinden konnte — Durchlaucht mögen die Situation, die Erregung etz. bedenken —, hielt ich es zur Wahrung der Diskretion vorläufig für das beste, Namen und Titel Ihrer Durchlaucht zu verschweigen, zumal eine Kenntnis derselben nicht gefordert wurde. Ein Zimmer wurde der hohen Wöchnerin zur Verfügung gestellt, in welches dieselbe unerachtet ihres gefahrvollen Zustandes sich zu Fuße, auf mich und die Kammerfrau gestützt, begab. Bei einer Ruhepause vernahm ich aus dem Munde der edlen Dulderin die mir unvergeßlichen Worte, die ich Euer Durchlaucht zu berichten nicht unterlassen habe, in dem sie stehenbleibend und leise schaudernd zuerst flüsterte: Wald — Nacht — und Sterne ... Darauf: Seid mir gnädig! — Später fragte sie mich noch, ob man telegraphieren könne. Ich habe zu diesem Zweck das dienstfertige Mädchen in den Ort geschickt, es konnte aber das vom Befinden Euer Durchlaucht Auskunft gebende Antworttelegramm nicht mehr zu Ihrer Durchlaucht gelangen.