„Zu bemerken ist noch, daß das Haus, ein Neubau, erst wenige Tage zuvor bezogen worden war, und füllten die Möbel noch unordentlich einige wenige Zimmer, während andre ganz leer geblieben waren. Es war kalt und naß, jedoch fand Ihre Durchlaucht im eigenen Schlafzimmer der Besitzerin Unterkunft. Im Erdgeschoß befand sich eine Art bäuerlicher Diele mit einem Alkoven, der von Vorhängen verschlossen war; neben demselben führte eine Treppe in das obere Stockwerk. Als Ihre Durchlaucht vernahmen, daß sich im Alkoven eine Frau befand, die wie Ihre Durchlaucht jeden Augenblick ihre schwere Stunde erwartete, sagte sie nur mit einem Lächeln auf uns, das uns das Herz zerriß: Dann ist es leicht. —

„Es war zuerst still im Hause. Nun kann ich nicht umhin, zu sagen, daß mein eigener Zustand infolge der ausgestandenen Ängste der Fahrt, der Verirrung, sowie der ganzen schrecklichen Situation ein unbeschreiblich erregter war. Wohl war ich ferne davon, mich zu beklagen, daß es nirgend einen Platz für mich gab; das Pflichtgefühl hielt mich, wie ich Euer Durchlaucht nicht erst zu versichern brauche, davon ab, ein Nachtquartier im Dorfe zu suchen. So verbrachte ich wohl eine Stunde in einem der, mit Möbeln angefüllten Zimmer auf einem Stuhl, dann jedoch wurde ich völlig aus dem Hause vertrieben, da es mir unmöglich war, das nun beginnende Geschrei und Jammern anzuhören, indem sowohl bei Ihrer Durchlaucht als bei der Fremden die Wehen begannen. Hier wäre auch wohl eines stärkeren Mannes Herz verzagt geworden.

„Euer Durchlaucht mögen sich meinen Zustand vergegenwärtigen. Aufs höchste abgespannt von den mannigfachsten Schrecknissen, vom Unfall Eurer Durchlaucht, von dem Unternehmen, von dem Zustand Ihrer herzoglichen Durchlaucht, von der bevorstehenden Geburt, von der wahrhaft entsetzlichen Fahrt, der beständigen Angst um das gleichsam in meine Hände gelegte Leben des zu erwartenden Kindes, zuletzt durch das Geschrei der Schwangeren, das mich gellend tief in den Wald hinein verfolgte, das ich noch heute zu hören glaube, fieberte ich und zitterte an allen Gliedern. Ich irrte zwischen Stämmen und Wurzeln umher, bis ich infolge meiner unglückseligen Verwirrung das erleuchtete Fenster aus den Augen verlor, und zu spät mußte mir in diesem Augenblick noch einfallen, daß es meine Pflicht gewesen wäre, aus dem Kurhaus einen richtigen Arzt zu holen. Verzweifelt suchte ich zwar umher, doch war kein Weg zu finden, und ward ich am Ende von Müdigkeit dermaßen überwältigt, daß selbst der Abscheu vor Schlangen und sonstigem Getier mich nicht abhalten konnte, meinen Mantel auf die Erde zu breiten und in dieser Lage den Morgen zu erwarten. Gleich darauf muß ich des Schlafes unwiderstehlicher Magie anheimgefallen sein.

„Die Kälte des Morgengrauens erweckte mich, und ich fand mich bis auf die Haut durchnäßt im Nebel. Steif an allen Gliedern erhob ich mich, und gelang es mir nach einigem Suchen wirklich, das Haus nun ganz in meiner Nähe zu entdecken. In einem Fenster war noch Licht. Beim Betreten der Diele bot sich mir ein eigentümlicher Anblick. Hinter dem Tisch, auf einem schwarzen Ledersofa saß bei einer Kerze die vorerwähnte Hebamme und las in einem Buch, das mir ein Gebetbuch zu sein schien. Was mich vor allem erschreckte, war bei der ganzen Strenge ihrer Züge der Schatten eines T-förmigen Kreuzes, das zwischen ihren Augen stand, und wurde dasselbe durch den Schatten der Nase und die gleich einem Balken darüber liegenden Brauen gebildet, und erinnere ich mich noch heute, daß ich mich unbewußt bekreuzte. Wie erschrak ich aber erst, als ich aus dem Hintergrunde den Schein zweier Kerzen bemerkte. Dieselben brannten im Alkoven, dessen Vorhänge geöffnet waren; zwischen denselben hing ein kleines, buntes Heiligenbild. Die Frau am Tische streifte mich nur mit einem mir unverständlichen Blick und las weiter. Ich näherte mich leise dem Alkoven und fand, wie ich nach allem erwarten mußte, eine Tote darin, von einem Anblick, der mich wie sonst nichts betroffen hat. Noch heute weiß ich nicht, was es war, das mich nach allem bereits Vorangegangenen nun fast in Tränen hinschmelzen ließ beim Anblick dieser schlafenden Züge vom reinsten Ebenmaß; das ein wenig auf die Seite gesunkene Antlitz von unbeschreiblicher kindlicher Sanftmut, blaß wie eine weiße Rose, von schwarzem Haar lieblich umflossen, auf dem wie zwei Wellen noch immer der Schlaf des Lebens und des Todes sich vermischten, ergriff mich mit namenlosem Schauder, und ich betete lange und inbrünstig.

„Von der Hebamme, die mich alsdann an den Tisch rief, wurden mir nun die folgenden Mitteilungen gemacht. Ihre herzogliche Durchlaucht hätten einem gesunden Knaben das Leben gegeben, der oben neben der tief erschöpften Mutter den ersten Schlaf auf Erden schliefe. Ihre Durchlaucht seien zwar äußerst angegriffen, doch bestehe keinerlei Besorgnis um ihr Leben. Auf mein Befragen nach ihrer Kenntnis vom Range Ihrer Durchlaucht, sagte die Frau kurz: sie hat mirs selber gesagt. Die andre Mutter hatte leider das Leben ihres Kindes mit dem ihren erkaufen müssen, und auch das des Kindes schwebte in Gefahr, zu erlöschen. Sie selbst, so sagte mir die Frau, habe es nach dem in der Nähe liegenden Sanatorium des Doktors Sartorius tragen müssen, wo zum Glück gewisse Apparate vorhanden gewesen seien, die eine Erhaltung des Kindes immerhin als möglich erscheinen ließen.

„Dies, gnädiger Herr, sind die genauen Vorgänge jener Nacht, sofern ich selber sie beobachten konnte, von mir wahrheitsgetreu aufgezeichnet. Doch ahnte ich damals nicht, was mich viel später erst zwingen würde, diese Aufzeichnungen zu machen, nicht aus irgendeinem Euer Durchlaucht betreffenden Grunde, sondern zur Entlastung meines Gewissens und im Fall eines plötzlichen Todes. Ich habe nun folgendes hinzuzufügen.“

An dieser Stelle endete das Manuskript. Auf der leeren Hälfte der Seiten standen noch, mit Bleistift von Chalybäus’ Hand geschrieben, die Worte: „Nun Brief der B. Dann Anlage.“

Georg, auf das heftigste beklommen und innerlich erschreckt, ohne irgendeinen Grund dafür erkennen zu können, dachte: Ja, was denn? Wo will denn das hinaus? — legte das Manuskript auf den Tisch und blickte zu seinem Vater hinüber, der verschleiert dasaß, seltsam in sich zusammengesunken. Bei Georgs Bewegung richtete er sich auf, strich mit der Linken über die Stirn, tastete nach seinen Stöcken, die neben ihm standen, sagte dann: „Ja, nun also der Reihe nach, — wenn du gelesen hast.“

In diesem Augenblick, als sollte die Pause ausgefüllt werden, klingelte das Telephon auf dem Schreibtisch. Georg ging hin, nahm den Hörer auf und hörte Cora Bogners Stimme entfernt und schwach seinen Namen sagen. Dann begann sie — der Nebenanschluß machte wohl ihre Stimme so leise — eine lange Erzählung, sie telephoniere aus dem Hotel, wo die Herzbruchsche Hochzeit sei, und bei der Hochzeit werde Georg vermißt; ein Prinz fehle, jawohl, und er müßte also durchaus kommen, und sie habe mit Josef Montfort gewettet, er werde kommen, wenn sie riefe, und der Brautvater habe unter Georgs Großvater bei Beaune la Rolande 1870 —, und er müßte also durchaus kommen, wenn er noch eine Scheibe Ananas aus ihren Fingern ... Georg aber hatte einen Anfall von Brutalität, sagte: „Tut mir leid, ich kann nicht. Adieu!“ und legte den Hörer hin.

Wie sonderbar ängstlich sah sein Vater auf einmal zu ihm auf! Angstvoll, verstört, ärgerlich, verwirrt, gedankenlos, im Gehör noch einige der verrückten Floskeln, die ‚hohe Dulderin‘ und ‚vom reinsten Ebenmaß‘, hörte er seinen Vater sprechen.