„Was du gelesen hast, klingt ja alles wie ein furchtbarer Schwindel. Das heißt —“ unterbrach er sich, „du weißt ja noch gar nichts. Immerhin, du hast jedenfalls das eine bemerkt: Er redet von Automobilen. Damals, als du geboren wurdest. Na, und so weiter. Er war immer ein großes Lügenmaul, so groß, daß er sich selbst verschluckte. Ja, nun also. Entschuldige, mein Junge, aber ich muß noch einiges vorausschicken.

„Ostern bekam ich einen Brief von Mackensen, dem Helenenruher Gärtner. Chalybäus hatte ihn wegen irgendeiner Unregelmäßigkeit Knall und Fall entlassen, übrigens wird ihm nur sein Recht geschehen sein, er war ein großer Hurenweibel, verstand sein Metier zwar aus dem Grunde, war aber gedankenlos und nachlässig bis zum Tezet. Infolgedessen war auch sein Brief nur ein allgemeiner Schwulst, ein Ausfluß der Rache natürlich, und statt sein Recht und eine Untersuchung zu verlangen klagte und weimerte er herum und verklagte Chalybäus; er sei ein hochgradiger Säufer, jedes Kind in Helenenruh und Böhne wisse das und frage, wohin das führen solle, außerdem sei es bekannt, daß er spiele und Summen verliere, von denen kein Mensch wisse, woher, — na und so weiter. Darauf packe ich gestern nachmittag ein und fahre nach Helenenruh; du weißt —, sehe immer selber nach.

„Wie ich komme, hat er sich grade von einem kleinen Schlaganfall erholt, empfängt mich im Lehnstuhl und sieht aus, als wär ihm sein Todesurteil verlesen und nun käme die Exekution; blaurot im Gesicht, gedunsen, — und auf dem Tisch drei leere Burgunderflaschen; Numero vier trank er grade an, als ich wie der böse Feind über ihn kam. Kaum daß ich die Bücher verlange, fängt er wie ein Kind zu weinen an und um Gnade zu wimmern, — es war eklig, — na kurz, ich revidierte, was zu revidieren war, das heißt, Bestände waren keine da. Die Bücher in Ordnung bis ungefähr Weihnachten; dann fehlten eine Menge Bestände, vom Obstverkauf will ich gar nicht reden, aber die Mahlgelder, — vor allem vom Gestüt ... Na, das ist ja gleichgültig. Unterdessen jammert er nun herum, er sei leichtsinnig, verschwenderisch und hier nicht am rechten Platze. Wie ich ihm aber kurz und bündig seine Entlassung erkläre und Aufnahme in Frankenhöhe anbiete, da fängt er an, ganz gottverlassenes Zeug zu reden, macht die wunderlichsten Anspielungen, woher seine Gicht —, und wieso er zum Trinker — —, und das Gewissen und der Tod vor der Tür, kurzum, er bringt dies hier zum Vorschein, was du eben gelesen hast. Beschwört mich aber noch vorm Lesen hoch und teuer, ich dürfte nicht gemein von ihm denken, er hätte dies einzig und allein aufgesetzt, um sein Gewissen zu erleichtern, — na und dergleichen. Ich lese also, und —“

Der Herzog brach ab, griff in die Aktentasche, schüttelte den Kopf, besann sich und sprach weiter, nach wie vor seine abgerissenen Sätze wie Fetzen, die ihn widerten, ins Zimmer schleudernd:

„Ich muß dir erklären. Die Vorgänge in jener Nacht, die du gelesen hast, hab ich natürlich oft genug von — von Helene erzählen hören, und es war alles so, wie da steht, bloß daß sie erst nach sieben Uhr abgefahren sind und nicht im Automobil, und daß Chalybäus sehr gegen den Willen meiner Frau darauf bestand, selber zu kutschieren, und schließlich, daß sie, wie du denken kannst, nicht nach Altenrepen, sondern nach Hanfurt gefahren sind, um den Schnellzug zu erreichen — um halb neun — der bis Böhne nicht ging, — damals. Wieso und warum diese Konfusion in Chalybäus’ Gehirn, kann man sich bei seiner ganzen schwindelhaften Veranlagung und seinem jetzigen Zustand schließlich erklären. Also das merkwürdige Haus in Meysensang und die Verirrung und die Frau im Alkoven, all das stimmt bis auf das T-förmige Kreuz im Gesicht der Hebamme, von dem ich Helene mehrfach mit Schrecken habe sprechen hören.“

Georg sah seinen Vater wieder in die Tasche greifen und diesmal einen Brief hervorholen. Er sagte:

„Neun Jahre später, im Herbst, bekam Chalybäus einen Brief von jener Kammerfrau Biedenweiler, Helenes Ida, von der du vielleicht noch hast sprechen hören. Sie war schon anderthalb Jahre nach deiner Geburt außer Diensten gegangen, was damals kein Mensch recht begriffen hatte, denn sie war zwar lungenkrank, aber das ließ sich reparieren. Diesen Brief schrieb sie aus Christinendorf, der Lungenheilstätte, — übrigens kann ich hier gleich hinzufügen, daß sie keineswegs eine so schwächliche Person war, wie es nach Chalybäus’ Darstellung scheint; vor allem hing sie mit einer ganz fanatischen Liebe an Helene und war unglaublich diensteifrig. Ihren Brief hab ich hier; es steht drin, Chalybäus möchte um Gottes willen sofort zu ihr kommen, sie läge im Sterben, sie müsse vor ihrem Tode etwas von ihm wissen, sie könne sonst nicht ruhig einschlafen. Was Chalybäus mit ihr verhandelt hat, das —“ der Herzog brachte einige Zettel aus der Tasche zum Vorschein —, „das steht auf diesen Bogen, die ein Konzept darstellen sollen zu der fehlenden Hälfte seines ‚Promemoria‘, wie er das nennt. Die Lektüre kann ich dir sparen, denn die Sache ist die ...“

Georg sah seinen Vater tief Atem schöpfen und ein Stück Bart in den Mund ziehn; er holte sein Taschentuch hervor, trocknete sich die Stirn, stopfte es wieder fort und fing von neuem an. Vor den Fenstern lag der Lärm der Stadt, der zuweilen anschwellend seine Worte übertönte; Georg hörte alles und folgte, eiskalt an allen Gliedern, mühsam.

„Die Biedenweiler ist damals nicht gestorben, lebt vielmehr noch immer, wenn auch kümmerlich; sie hat Zucker, na — also ich bin nach der Lektüre dieser Zettel und nach Chalybäus’ weiteren Aufklärungen — und nach telephonischer Anfrage in Christinendorf — sofort hingefahren, habe die Frau leider in den Tod erschreckt, dann aber doch herausbekommen, daß seine Aufzeichnungen, die ich ihr vorlas, Wort für Wort stimmten, und ich kann dir das Ganze nun folgendermaßen auf— ja, aufsagen.

„In der Nacht deiner Geburt hatte sich die Eigentümerin jenes Hauses, kränklich und müde, wie sie gewesen sei, in ihr Zimmer zurückgezogen. Die Kammerfrau war neben der Herzogin in Schlaf gefallen, nachdem die ersten Wehen vorüber waren, war wieder erwacht, als das Letzte bevorstand, hatte ins Haus hinunter die Hebamme gerufen, und unter Beider Beistand ist dann ein Kind zur Welt gekommen. Ja, ein Kind, ein — Mädchen.“