Georg zuckte zusammen; sein Blick fiel ab. Was war das?

Drüben vom Tisch, vor seinem Vater, stieg aus der letzten Zigarrenleiche der dünne blaue Rauchfaden, schlank und anmutig, oben leicht sich kräuselnd, leuchtend blau im breiten Streifen des Nachmittagsgoldes, das das Fenster durchströmte. Georg sah gierig hin, als sei dies das Haltbare. Draußen schrie eine Trambahn in der Gleisbiegung, dann wurde es still, aber nahe von unten herauf rasselte, stampfte und stöhnte der Motor eines Automobils. Georg, entleert von Gedanken, wartete unendliche Zeit auf das Aufhören dieses Geräuschs; jetzt setzte es aus, jetzt raffte es sich zu neuen Stößen auf, jetzt lärmte es noch einmal so laut, ein Wagenschlag fiel zu, ein Huppe dröhnte, es zischte, klirrte und brauste, langsam begann es sich zu entfernen, hörte endlich ganz auf.

„Wir müssen weiter,“ hörte er eine weit ferne Stimme, die er kannte. „Das Kind, das geboren war, schien dem Sterben nah, und die Hebamme schickte die Kammerfrau eilends damit zum Sanatorium; dem verschlafenen und verärgerten Assistenzarzt, der dort auf ihren Weckruf erschien, drückte sie es nur in die Hände, um, in Todesangst um das Leben ihrer Herrin, wieder zurückzulaufen. Wie sie wieder ins Haus kommt, ist alles still. In der Diele wird sie von der Hebamme empfangen, die ihr mitteilt, die Herzogin sei eingeschlafen, sie solle sich auch zur Ruhe legen, um andern Tags bei Kräften zu sein. Sie habe aber nicht abgelassen, in das Zimmer der Herzogin zu dringen, und da habe die fremde Frau ihr denn gesagt, sie müsse sich nicht wundern, wenn sie ein andres Kind bei der Herzogin finde; es sei schon vor Stunden im Alkoven zur Welt gekommen — die Kammerfrau, die nicht von Helenes Seite gewichen war, wußte nicht, daß jemand darin sei —, und dies Kind, einen Knaben, habe die Hebamme der Herzogin gegeben, die nach ihrem Kinde verlangt hätte, was übrigens der guten Biedenweiler ganz natürlich und sehr richtig erschien. Später ist Helene denn erwacht und sehr glücklich gewesen; leider aber meldete sich damals nun der entsetzliche Kopfschmerz zuerst, der sie für die nächstfolgenden Monate fast der Besinnung beraubte ...“

Nach einer kleinen Pause fuhr der Herzog eilig fort.

„Am Morgen jenes Tages wurde die Kammerfrau, die in irgendeinem Zimmer die Nacht verbracht hatte, von der Hebamme geweckt. Die Mutter des fremden Knaben, sagte die, sei gestorben, das Kind noch bei der Herzogin. Es müsse vorläufig alles so bleiben, das meine auch Chalybäus, dem sie Mitteilung davon gemacht habe.

„Ja, das ist wohl nun alles,“ sagte der Herzog. „Daß die Frau mich betrogen hat, ist sinnlos und so ausgeschlossen, wie etwas auf der Welt ausgeschlossen sein kann. Chalybäus beschwört mich hoch und heilig, ihm zu glauben, daß ihm die Hebamme nichts gesagt, sondern daß er das Kind, das er gesehn hat, für das Kind der Herzogin gehalten hat und noch immer halten würde, wenn nicht ... Die arme Biedenweiler ist nun nach einiger Zeit damals in die schrecklichsten Ängste geraten, da sie sah, daß der Knabe bei Helene blieb; sie behauptet, Chalybäus einen Brief geschrieben zu haben, den er auch bekommen, aber nicht verstanden haben will, — jedenfalls war sie ratlos darüber, ob ich von dem Ganzen wußte oder nicht, ob auch Helene, die ihr freilich allzusehr das Kind wie ein eigenes zu liebkosen schien in den seltenen Augenblicken, wo sie es sehen durfte. Dies aber, so sagte sie, diesen Irrtum mit anzusehn, das habe sie auf die Dauer nicht ertragen und deshalb den Dienst verlassen. Jahrelang ist sie dann der Meinung gewesen, ich wisse von allem Bescheid, bis dann die Todesfurcht ... Das ist wohl endlich alles.

„Ja, auch dies noch. Die Frau — Müsing, oder wie sie heißt, ist, wie ich auf telegraphische Anfrage erfuhr, schon lange tot. Antwort auf meine Erkundigungen nach dem Verbleib des Kindes, des — Kindes meiner —“ Er ließ den Kopf sinken.

Georg sprang auf und lief ans Fenster: er schlug die Gardine zurück, setzte die gespreizten Finger auf die kalte Scheibe, lehnte die Stirn daran. Er fühlte, wie sie brannte. Es schüttelte ihn, ein-, zweimal. Dann überfiel ihn ein siedender Zorn auf sich selbst. Wie hatte er diese Tage, diese Nacht verbracht! Er krümmte sich. Und sein Vater ...

Der sagte hinter ihm mit erschöpfter Stimme, es gäbe wohl noch dies und jenes aufzuklären, zu erläutern, — Chalybäus ... aber das könnte auch wohl unterbleiben. „Zu ändern,“ sagte er hart und ruhig, „ist nichts. Man hats im Gefühl.“

Georg glaubte, den Verstand verloren zu haben. Er suchte in völliger Betäubung nach einem Gedanken. Nichts ...