Georg blickte ihn verklärt an, aber in solcher Dumpfheit, daß ihn fror, als er sie deutlich empfand.
„Zu bedenken,“ hörte er seinen Vater sagen, „ist nun die Welt. Ich will dich damit nicht überrumpeln. Es hat Zeit, wir müssen ja auch erst noch alles sichten und prüfen, — und freilich, mit Mama wird das schwer —, denn sie darf natürlich nichts, nicht das geringste erfahren, und da mußt du nun zusehn ... Ach, du lieber Gott, woher kommen denn wir alle, wo ist unser Anfang, wo der Tag unsrer Geburt, wer sind unsre rechten Eltern? Was waren sie alle für sanfte Gestalten, die Trassenberge, und da sieh mich, was bin ich für ein Kerl! Ich will mich nicht belügen, ja, ich will sogar denken, ich würde vielleicht andrer Meinung hiervon sein, wenn ich nicht Herzog wäre. Aber all dies ist nun einmal so, und darum sind diejenigen Gefühle und Meinungen, die erregt werden, die richtigen. Du mußt nun versuchen, es ebenso auf deine Weise abzumachen. Die Sache gewissermaßen mit Luft durchsetzen, bis sie Auftrieb kriegt und schwimmt.“
Georg, der alle Worte mit dem einzigen Wunsche aufgenommen hatte, ihren Sinn genau zu begreifen, sah ihn jetzt mit sanft abirrendem Blick lächeln und nach einer Weile sagen:
„Ich hab einen alten Freund, den Geheimrat Michaelis in Berlin, der sprach von seiner Frau nie anders als von ‚unsrer Mutter‘ obgleich er nur zwölf Jahre lang eine einzige Tochter gehabt hat. So —“
Der Herzog brach ab, als starre er in eine völlige Wirrnis, legte die Schläfen in die Fäuste und rief zornig:
„Herr Gott im Himmel, es ist, es ist, es ist doch so, so, und nicht anders! Sie hat ihn mir gegeben, und ich hab ihn genommen, wer schwätzt mir denn nun immer dazwischen, das ist ja zum Verrücktwerden!“
Georg saß steif da und wagte nicht, sich zu rühren. Sein Vater hob die Stöcke auf, stützte sich und erhob sich. Aufrecht stehend sagte er:
„Tu mir nun den Gefallen und laß mich eine Stunde allein. Ich möchte auch etwas essen. Und du selbst mußt nun anfangen, dir klar zu werden, wie wir Beide es vor der Welt halten wollen. Hoffentlich habe ich dich nicht schon überrumpelt. Geh, mein Sohn, geh durch Gottes frische, freie Natur, und dann komm noch einmal, komm aus der Natur und dir selbst zu mir und sage: So und so, und das ist meine Ansicht von der Sache, und das ist mein Entschluß. Um mich hast du dich nicht zu kümmern. Bloß zu wissen, daß ich jeden Augenblick und vor der ganzen Welt bereit bin zu tun, was mir beliebt!“
Er wehrte hastig ab, jetzt wieder jenen Ausdruck von Hoffart und Überlegenheit auf dem Gesicht, den Georg im Anfang bemerkt hatte. „Geh,“ sagte er, „ich erwarte dich in einer Stunde.“
Georg nahm Überzieher und Hut und ging.