Hingang
Georgs gereizte Augenlider empfanden die abgekühlte Abendluft angenehm, während er, ohne die Richtung viel zu bedenken, durch die Menschen ging, besinnungslos zwischen Wänden der elektrischen Bahnen, zwischen Radfahrern und Automobilen über den Platz, und weiter mit geblendeten Augen gegen das letzte Feuer der untergehenden Sonne, die alles überflutete. Einmal kam es ihm dumpf: Ihr schönen Träume! Nun alle dahin! — Es fiel ihm ein, was er am Nachmittag Benno von Napoleon erzählt, was er sich selbst erzählt hatte; sein Zimmer erschien ihm, das noch geträumte, dann das wirklich gesehene, das leuchtende Spinnennetz oben ... Ja, soll nun wirklich auf einmal alles unmöglich geworden sein? Giebt man Ideale auf für einen Faustschlag? O nun könnte ich Vater hassen, daß er nicht regierender Herzog geworden ist, nun, wo ich es nicht werden kann! Freilich war es seine Art so, — künstlerische Dinge liegen ihm fern, und alle andern Pflichten gegen die Menschheit liebt er namenlos zu erfüllen. Dies aber sollte nicht sein. Ach, etwa um seinet-, um meinetwillen? Um des Beispiels willen doch allein, damit es einen Fürsten in Deutschland gebe, der sich sichtbarlich für alle großen und erhabenen Dinge einsetzt. Was ist denn geschehn? Was ist denn nun überhaupt geschehn?
Georg merkte, daß er die Lindenallee nach Herrenhausen hinunterging; es dämmerte, die Sonne war verschwunden, der Himmel noch hell über den kahl nach oben strebenden Zweigen; Menschen, zu zweien gesellt, schlenderten zärtlich umher, schweigsam. Frühling wars. Wie weit der Himmel doch ist, wenn man sich beengt fühlt, dachte er wehmütig. Da sah er die eine von Bogners drei Fresken vor sich, den Genesenden in der Landschaft, den großen magern Mann auf der Bank, in schweren violetten Falten, mit den, zwischen den Knien herunterhängenden, noch ganz mit Tod gefüllten Händen, unter der Fichte, die den stärksten Zweig mit zum Staunen priesterlicher Gebärde über ihn hinreckt, und vor ihm, der sein Antlitz der Tiefe des Bildes zuwendet — Land, Land und Land, Tiefe, Unendlichkeit der in den Horizont entschweifenden Dämmerebenen, aber darüber des Abendhimmels unsterblich leuchtende, reine, triumphierende Vision.
Georg, sich aufrichtend, bog zur Linken in die Anlagen ab, ging an der kleinen Kapelle vorüber, von deren Zifferblatt er fünf Minuten nach acht ablas, und fand sich vor dem kleinen Palais in die Betrachtung des schönen Rasenrunds versunken. Der widerscheinende Nordhimmel über den Wipfeln war rosig und hell. Sich umwendend sah er den Efeumantel der Sternwarte hinter seinem Rücken und sagte: „Ce n’est pas contre ...“
Das also war gemeint? Seine Gedanken überstürzten sich jählings, Scham, Entrüstung, Betäubtheit flammten und waren schon in Hochmut und Begierde hinüber. Gegen meine Sterne? Oh nein! Auf diesen Thron soll ich, obgleich ... Da sprang ein Wort blitzschnell auf und lief wie eine Kugel fort; er tastete nach einem andern, fand keins, — da sah er das erste liegen, still, beflissen, oder geduckt, wie ein listiges Tier, und er griff es und sagte: ja, obwohl ich ein Bastard bin. Laut, hell und deutlich sagte eine schneidende Mädchenstimme: „Bastard von Orleans!“ und: „Du willst Gott versuchen!“ vollendete er die Verszeile. Gott versuchen, Gott versuchen ... was heißt das? Unsinn, er war ja keiner! Ein Bastard war eines Fürsten natürlicher Sohn, er aber war gar nichts, sondern war — Nun hab ichs, schrie er erbost, nun hab ich das ganze Mittelalter und alle Hintertreppen in der Faust! — Er lief aufgeregt am Palais vorbei, dann den Weg hinunter, den Graben hin, der aus dem Park hinterm Schlößchen kam. Ich weigere mich, sagte er, ich weigere mich, dies zu verstehn. Kann ich vielleicht jetzt auf einmal Erziehung und Gewohnheiten, alle Gedanken und Empfindungen, mit einem Wort mein ganzes Ich abstreifen und ein Andrer werden? Nein, es ist ja anders! Ich soll der ja sein, der ich bin, das aber ist eben ein Andrer, ein ganz Fremder, den ich weder kenne, noch irgendwo entdecken kann. Das ist eine unlösbare Verwirrung. Innerlich, Herrgott, innerlich ist doch nichts verändert, warum soll man denn da seine ganzen Kleider ausziehn!
Er kreuzte Wege, ging über eine Brücke, gelangte an den Teich, stieg abbiegend den Weg hinan und lief gegen eine breite Gittertür. Richtig! der französische Park! Da war die Geländerbrücke, über welche die Gittertür gespannt war; dunkel lag das Wasser der Gracht, fern, zwischen den Heckengängen war ein Fontänenbecken sichtbar; weit zur Linken stand der Säulenpavillon, schön und einsam, sehr still. Wie bin ich hierhergekommen? fragte er. Antwort gab eine seltsame, erst unverständliche, geheimnisvolle Stimme aus der Tiefe der Gärten, lang flötend, noch prüfend, schon brünstig, die erste, viel verfrühte Nachtigall. Oh Gott, Renate!
Ja, Benno, und was wird nun aus dir? Oh verfluchtes Gitter, schrie er und packte einen der Stäbe, bin ich denn nun ganz närrisch geworden? — Er ging ein wenig beschämt die Chaussee nach Westen weiter, während die Gedanken in ihm sich nun unaufhörlich jagten und umschlangen und zuweilen die Redensart ‚Bastard von Orleans‘ an die Oberfläche brachten. Was würde Bogner wohl an seiner Stelle tun? Ach, das war ja klar! Aber erstlich war er ein Maler, er hatte etwas, hatte sich selbst voll in der Hand, und — und wenn ihm so etwas vor fünfzehn Jahren passiert wäre? Was tat er vor fünfzehn Jahren? O Pech und Schwefel! er ging auf und davon. War es denn überhaupt möglich, sein ganzes Dasein auf eine Lüge zu setzen? Georg sah die Lüge alsbald deutlich in Gestalt einer großen Schildkröte, auf deren Rücken er einen genau gehaltenen Würfel von Granit setzte, empfindlich fühlend, daß die Kröte sich bewegte und nicht standhielt. Ja, auf eine Lüge, sagte er, nun wollen wir der Sache wenigstens ins Auge sehn. Was ist das für ein Schornstein da rechts?
Die Chaussee hatte ein Ende genommen; er stand auf einem Wege, der vorüberführte, der rechts nach zwanzig Schritten zwischen Bäumen und Gebäuden verlief, aus denen sich der riesige Schornstein erhob, — ah, es war die Wasserkunst für die Herrenhäuser Springbrunnen! — links in die Ferne zog, wo das Schlößchen unsichtbar liegen mußte. Grad ihm gegenüber dehnte sich das niedrige Dickicht der Laubenkolonien, aus dem Türmchen und Wimpelstangen ragten, und Georg entzifferte auf einem großen Schild über einem Torbogen ungeduldig in verschlungenen Buchstaben: Draht—wurm—hausen. Dann blickte er über die unregelmäßigen Wiesenflächen hin, über denen es dämmerte; fern dahinter standen Häuserreihn, noch vom Abendhimmel angeschienen, dazwischen schon die stechenden Lichter der Laternen, — die Fabrikstadt. Wo war denn nun der Fluß? Georg ging auf den Schornstein zu, an der gelben Mauer hinunter und stand gleich darauf über dem Fluß auf steilem Ufer; schön abendklar lag die Fläche, auch dunkel und still; rosenfarbene Abendwolken schwammen zwischen den schwarzen Ufersilhouetten; drei Wellenbrecher standen schwarz und still darinnen, und jenseit war der westliche Himmel, pfirsichfarben, rosenfarben und silbergrün und bläulich und hellgolden mit schwarzer Schattenlandschaft eines in Baumwipfel gebetteten Dorfes. Georg stand ergriffen davor, schwieg sich minutenlang aus, hörte es endlich murmeln irgendwo: O wie hängt mein Dasein an allem diesem! Dies bin doch ich, diesem gehör ich, dies kann ich immer haben! Hier kann ich meine liebe Seele von mir gehn heißen, kann sie vor mir wandeln sehn ungebunden, über Fluß und über Flächen, schwinden sehn im Dunkel dort unter Bäumen, unter Dächern, in aller Friedfertigkeit, aufgelöst und wunderbar getrost. Und wenn ich winke, so kehrt sie zurück, tritt gerne bei mir ein, bringt mir, was sie hat, legt mir Wipfel und Sterne, Ströme und Nachtigallen in die Brust und sagt: Wir sind zu Hause ...
Seufzend wandte Georg sich endlich ab, kehrte sich um, blickte über die dunklen Wiesen hin und dachte: Was soll ich tun? Meine Seele wird immer mein sein, immer mein die Plätze, wo sie untrüglich redet und schön, da mag ich vor der Welt sein, was ich bin. Welche Veränderung soll denn nun mit mir vorgegangen sein? Ja, eine ist vor sich gegangen! Denn Mutter, — sie entglitt mir nun ganz — Vater aber, — ihn liebe ich nach wie vor, mehr sogar vielleicht, ja mehr, denn — — seine Augen füllten sich plötzlich mit Tränen, er schwankte blindlings, fühlte einen Pfahl im Wege, und über ihn gelehnt, weinte er wild und lange, hin und wieder stammelnd: Vater! oh Vater! bis er sich ausgeweint hatte und, sein Gesicht trocknend, mit schmerzendem Kopf und brennenden Augen weiterging.
Nichts, sagte er zu mir, habe sich gewandelt. Mich empfinde ich nicht um Haaresbreite anders als früher, warum sollte ich dies Dasein aufgeben, unbekannter, längst verstorbener Personen wegen, die es mir gaben? nein, die es mir nicht gaben, sondern die gabens mir, die um mich leben und ich selber. Plötzlich fiel ihm ein, daß er bei alledem noch mit keinem Herzensschlage an jene gedacht hatte, die seine wirkliche Mutter war. ‚Von reinstem Ebenmaß ...‘ Fremd, fremd, fremd ...