Was steigt denn da über die Häuser empor? Der Mond? der sieht ja sonderbar entfremdet aus! Eine ungeheure, blaßrote Blase ... Als würde dahinten von einem Marktplatz ein Ballon hochgelassen. Wie bange und zaudernd er in den rauchigen grauen Himmel steigt! ‚Seht ihr den Mond dort stehen?‘ Oh, flüsterte er sanftmütig vor sich hin: „Er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. So sind gar manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn ...“ Getrost belachen, — getrost, — wie schön! Zitate beweisen nie etwas, durchfuhrs ihn zornig. Und er floh verstört den Anblick jenes trübseligen Mondes, der sich nicht getraute, Himmelsgestirn zu scheinen, und lief, von Abscheu und heftigem Angstgefühl bedrückt, am Ufer fort.

Gleich darauf hörte er ein Geschrei und heftiges Lärmen, das aus der Erde zu quellen schien, wilde Rufe eines unterirdischen Kampfes, unheimlich bei der tiefen, abendlichen Stille umher. Da sah er, daß der Fluß ein wenig aufwärts sich krümmte, so daß er selber in die Biegung hineinging; am hohen Ufer standen ein paar dunkle Gestalten still da, die sich beim Näherkommen verwandelten: in einen Straßenbahnschaffner mit seiner Frau, einen Jüngling mit seinem Rade, einen Fleischergesellen mit seinem Mädchen, die alle sechs zur Tiefe des Flusses hinunterblickten. Ja, welch ein Schauspiel! welche Aufregung! Vier mächtige, äußerst schmale Ruderboote lagen in Abständen voneinander da, bemannt je mit vier nacktbeinigen Kerlen in weißen Sweatern, die je einen der riesigen, schaufelnden Riemen in Händen hielten, und am Ende hockten die dunkelblauen Steurer klein; von links her aber schossen zwei stürmisch heran, die langen Riemen griffen ungestüm weit aus und schlitterten beim Zurückschwingen über die metallische Fläche, vom Steuer her jedoch schrien die beiden Lenker, als ob sie wie der böse Feind hinter den Mannschaften säßen: „Hee — äh! hee — äh! hee — äh! ... Los! ... Los! ... Los! ... So ists recht! ... So ists recht! ... Müller flacher einschlagen! So ists recht! Hee — äh! ... Halt!“ Die Ruderblätter schlitterten härter in die Flut, die Boote glitten, lagen augenblicks still. Zwischen all dem aber bewegte sich fremd und blind die Fähre, ein großes, fußloses Tier, quer über den Strom, ein roter, eiserner Kahn mit ein paar Menschen darin, langsam und vorsichtig wie eine tastende Schnecke. Georg folgte ihr eine Weile mit den Augen, sah sie jenseits anlegen, und plötzlich durchfuhr es ihn wie ein Schnitt: daß er in einer ungeheuren Einsamkeit stand, daß er mit einem Schlage fremd geworden war in der vertrauten Welt. Hier stand er in seinem grenzenlosen Taumel allein, und dies hier, dies leichte Leben tummelte sich vor seinen Augen, ja redete ihm ins Gesicht hinein, so wie — wie einmal, als er ein Junge war, bei einer Kindergesellschaft, wo er nicht mitspielen wollte und in Leideswollust beiseitestand und zusah, wie die Andern ihm zum Tort um so lustiger schrien und tobten ohne ihn. — Er lachte wütend auf. Ja, so war es, nur — Ernst wars heute.

Georg ging den Wiesenweg neben einer hohen Hecke hinunter, in der Richtung der Stadt. Nachträglich kam es ihm, wie einfach, wie unbedenklich sich dies vollzogen hatte, wie still die Zuschauer oben sich verhielten, innerlich scheinbar völlig abgeneigt gegen das erregte Spiel, und dazwischen die Fähre so gutmütig. — Ist ein Weg zu diesem für mich? fragte er sich dumpf.

Er kam nun durch ein Gartenrestaurant, wo ihm der Fluß wieder zur Rechten sichtbar wurde; am eingefriedigten Ufer saßen im Dunkel unter spärlichen Lampen stille Menschen an Tischen und tranken Bier. Beim Herauskommen aus dem Wirtsgarten sah Georg den Mond wieder, jetzt eine gelbrote, feurig glühende Scheibe. Es dunkelte tiefer. Er kam an der Rückseite der Laubenkolonien vorüber, wo Fahnenstangen leer und still gegen den wehmütig aussehenden Himmel standen; dahinter, ganz fern und blaß war die Rückfront des Schlößchens zu erkennen; friedlich schimmerten ihn weiße Lattengiebel der Lauben an. Er kam an einem schwarzen Sportplatz vorüber, wo ein paar junge Menschen mit bloßen Beinen still und emsig in der Dunkelheit noch ein Wettgehen übten, während andre Burschen in Anzügen zusahen und sie verhöhnten. Schließlich mußte er durch eine gebogene und enge Straße voll stiller Feierabendleute und verhaltener Kinder und erreichte den Platz am Anfange der Allee, hell von Laternen und schwebenden Kugeln, und in allen Fenstern der grauen Kaserne lagen Rekruten in Drillich und machten Musik, ganz leise.

Was aber mag es sein, das Papa von mir erwartet? fragte er sich. Er muß doch eine Meinung, einen Wunsch haben, obwohl er alles mir zu überlassen schien. — Da spaltete es ihn mit siedender Hitze, daß er die lange Stunde seither nur gedacht hatte. — Da habe ich über den Sinn dieser Dinge mich zergrübelt und keinen Augenblick lang versucht, mir eine Vorstellung zu machen, wie es etwa sein wird, wenn ich der Prinz bleibe, das heißt, wenn ich eine Maske vornehme. Das genügt, dies Wort genügt. Es ist gut, es ist ja gut, dachte er, sich beschwichtigend, ergeben, ich werde das nie können. Warum sollte ich auch? Mein Leben behalt ich, alle Kräfte, die guten und die bösen Triebe, nur — o Renate, Renate! Schönes, göttliches Wesen, was würde es dir verschlagen, wer ich bin, wenn dein Herz sich zu mir neigen müßte? Ach, auch das wird nie geschehn! Es wird das beste sein, ich gehe auf eine Zeitlang fort, in irgendeine schöne Wald- und Wassereinsamkeit, in der sich alles klärt; vielleicht nach Insel Wight oder nach Sylt. — Ihm fielen ein paar Sätze und Wendungen des Briefes ein, den er von dort an seinen Vater schreiben würde. Vielleicht, sagte er zu sich als wie zu einem, der zu müde ist, um sich zu wehren, bist du ein weicher, unbrauchbarer Mensch nur, der dies und jenes tun kann, und eins wie das andre wird auf das gleiche hinauslaufen. Aber man soll keine Äußerlichkeiten überschätzen. Es kommt nur und nur darauf an, etwas zu sein; auf den Inhalt kommt es an, nicht auf die Form. Aber jegliche Form, blitzte es hinwieder, ist ein Erzeugnis ihres Inhalts. Nun, so würde ich eben, ja würde ich eben meine Form von innen heraus schaffen, meine ganz eigene und ganz allein. Das müßte denn doch nicht mit rechten Dingen zugehn, wenn ich nicht imstande wäre, diese scheinbare, diese äußere Unwahrheit meines Daseins mit Echtheit, mit Wahrheit zu durchsetzen und auszulöschen. Sollte am Ende dies über mich kommen, beschlossen, mein Gott, von den Sternen, als Prüfung, ob ich ihrer würdig sei, ob ich auch recht bestehe? Und die Wahrheit scheint, sie scheint links zu liegen, im Einfachen, im Gefühl; und sich nicht verführen zu lassen, das wäre die Kunst, die Leistung. Lieber Gott, es wäre doch im Grunde abscheulich simpel, einfach einen Strich unter alles zu machen und schnurstracks in die Bastarderie hineinzulaufen. Augen auf, Georg! Dies ist deine Prüfung, deine Versuchung, den Schein der Lüge auf dich zu nehmen, da du ja nun die rechten Werte erkannt hast, nun weißt, wie verlogen, wie unwahr im Grunde alles ist, denn — wenn sich die Wahrheit — sie hing doch am zufälligsten Zufall — nun nicht herausgestellt hätte, was dann? Laufen sie nicht zu Dutzenden herum, wirkliche, blutechte Prinzen oder Fürsten, dargestellt aber durch Lakaien, Wüstlinge, Krämer und Faulenzer, und ich, ich soll alles Wahre und Schöne, all meine echten, strahlenden Ideen aufgeben wegen einer Kammerfrau? Wird es nicht schön, wird es nicht unendlich heilsam sein, dies Dunkle unter der Oberfläche zu tragen wie ein Büßerhemd unter der Rüstung? Wird es mir nicht immer untrüglicher, immer sichrer und königlicher zu dem einen Wissen verhelfen: daß der Schein nichts gilt, daß der Glanz fragwürdig ist, daß in jedem Innern Leiden und Scham wohnen? Nichts ist echt, triumphierte er, so wenig der Grünspan hier an der Normaluhr Metall ist, denn er ist Ölfarbe; nichts ist wahr ...

Überdem gingen alle Gedanken ihm völlig aus; er stand in einer Leere, immerfort wiederholend: Nichts ist wahr ... Nichts ist wahr ... bis er fühlte, wie diese Leere sich langsam mit einem gräßlichen Angstgefühl füllte. Blinden Auges, zusammengepreßt von einer schaurigen Last, plötzlich in Leere wieder, dann aufglühend in siedender Scham, sah er Gestalten von Menschen vor sich ab und zu gehn, lautlos scheinbar, eine Dame mit einem Kinde, das von ihr abhing, einen kleinen Strohhut in der Hand, — einen gebückten Mann, der an die Normaluhr trat und das Gesicht mit einem welken braunen Bart längere Zeit nahe daran hielt, — und hinter diesem toste etwas und rauschte, — er starrte eine Weile in Gesichter über ihm, erkannte den Hinterperron eines Straßenbahnwagens und blieb, als der sich fortbewegte, mit den Augen daran haften, nachfolgend in die Ferne ... Da raffte er sich zusammen, es kam ihm vor, als stünde er ganz krumm da. Langsam, gedankenlos über sich selbst hinweg murmelte er: Es wird eine schwere Aufgabe sein, den Menschen diese Maske vorzuhalten und im Innern ...

Er stockte. Schon einmal dachte ich eben: Maske, und erinnerte mich dabei — —, woran doch? An ein Gespräch! jawohl, heute nacht, wo war das noch? Ah Lenusch! In der Bar! Montfort und dieser — Saint-Georges sprachen über das Problem der vertauschten Seelen. Wie, schon neun Uhr durch? erschrak er angesichts des leuchtenden Zifferblatts, das er schon lange betrachtete, Vater wird warten, aber nun muß ich doch noch einmal ... Wie ist die Stadt verwandelt? Ja, es ist Nacht geworden, aber nicht dunkel. Oh freilich, sprang es hell auf in ihm, Nacht geworden, aber nicht dunkel! Nichts ist verändert, nur das Licht. Es ist künstlich, aber tief drinnen im ewigen Dunkel der Brust, brennt die geheiligte Lampe! —

Er entschloß sich, ins Café zu gehn, hungrig ohne Appetit etwas Kaffee und Kuchen zu sich zu nehmen und das Nachtgespräch zu bedenken.

Paßt das Ganze eigentlich auf mich? fragte er sich, langsam seinen Apfelkuchen vertilgend. Eine Maske — über deren tragische oder jedenfalls erniedrigende Wirkung auf ihren Träger sie ja wohl einig wurden —, eine Maske nehme ich freilich vor. Ich würde, gesetzt ich bleibe der Prinz, in einen Andern versetzt werden, eine Hülle, eine Maske, jawohl. Schließlich, fällt mir ein, stellten sie fest, daß alles beim alten bleiben würde, daß keiner auf keine Weise aus seiner Haut herauskäme, und Bogner sprach von Bestimmung. Theorien, Theorien! Da haben sie nun herumgeschwatzt, und ich muß es leiden. Und dann das von der Vernichtung des Schamgefühls. Und von ‚gewissermaßen anständigen‘ Menschen sprachen sie. Habe ich eine Maske, oder habe ich keine? schrie er sich innerlich wutentbrannt an. Nun ist mir alles durcheinandergekommen! Hier sitze ich und bin, der ich bin, was gehn mich zum Henker diese herumsitzenden Menschen an mit ihren Gesichtern, die auseinanderfallen wie Bündel Karpfen und mit stummen Augen wie die Fische! Es ist gut! ich bin entschlossen. Nun zu Vater. Er rief: „Zahlen!“

„Durchlaucht hatten —“ fing der Kellner — Frithjof — nun erkannte er ihn erst! — seine Berechnung an, und während Georg sich hütete, ihm ein besonders großes Trinkgeld zu geben — denn das würde nach Josefs Beweisführung so viel bedeutet haben wie Unsicherheit und Selbstbetrug —, fiel mit einem sanften Geräusch das ganze Gebäude in ihm zusammen. Er zog den Mantel über und ging ganz zerdrückt und in entsetzlichem Angstgefühl wieder ins Hotel hinüber, um seinem Vater zu sagen ... zu sagen? — zu sagen ...