Hochzeit

Als Georg im Hotel das Zimmer seines Vaters betrat, war es dunkel darin, aber im einfallenden Laternenschein erkannte er den Schatten seines Vaters, der im Sessel saß, als habe er sich die ganze Zeit nicht von der Stelle gerührt. Nun saß er hier allein und wartete ... Georg fragte, bedrückt und ängstlich, ob er Licht machen solle, hörte das Ja seines Vaters und drehte die Kurbel. Das Blenden der grellen Lampen unter der Decke überwindend, suchte er noch nach Worten, als er seinen Vater sagen hörte, es sei gut, daß Georg gekommen sei, er habe ein Telegramm aus Helenenruh erhalten: Chalybäus sei tatsächlich von einem neuen Schlaganfall betroffen; im Montfortschen Hause, wo er gleich angerufen habe, sei ihm gesagt worden, daß Magda sich auf einer Hochzeit befinde, doch habe niemand gewußt wo. Ob Georg ...

Den durchzuckte es: Da, Cora, nun bekommst du doch deinen Willen. Oh, und Renate war dort! — Da hörte er nur seinen Vater noch sagen, daß er sehr müde sei und sich gleich niederlegen wolle; dann morgen mit dem Frühzug nach Trassenberg zurück, — drückte ihm die Hand, zauderte noch und stand.

„Geh nur, Junge!“ sagte der Herzog, „morgen ist auch ein Tag. Sei so gut und klingle zwei Mal.“ Und ganz flüchtig setzte er hinzu: „Nur nichts überstürzen, nur nichts überstürzen.“

Georg ging. —

Wie? fragte sich Georg, schüttelte langsam den Kopf und fragte noch einmal: Wie? — —

Was war das nun gewesen? Er hatte nichts gesagt, ja, wie sollte er etwas sagen? — Nein, Papa hat recht: dies braucht längere Zeit ... Papa — sagte ich eben, — ja, und ich empfinde: Papa. — Nein, nun kann ich nicht mehr, murmelte er zu Tode verdrossen und dachte: Muß ich den Frack anziehn? Ich werde Bogner herausrufen lassen, denn wenn sie mich erst drinnen haben, wird es schwer sein, die Worte für Magda zu finden. Armes Kind, armes, armes Kind! — Er klingelte, befahl dem blassen Egon, den Frack und alles Nötige herauszulegen, schickte ihn dann fort, verlor aber in plötzlichem Ekel alle Lust und geriet, haltlos in Qualen umherstreichend, vor den Spiegel. Der zeigte ihm sonderbarerweise nichts andres als die alten, gutherzigen braunen Augen, spärlichen Brauen, das alte schwärzliche Haar, die dunkle Haut, — freilich die war neu, für ihn immerhin, der nun wußte, woher sie stammte. Gleichwohl ließ sich nicht leugnen, daß Wuchs und Haltung und der ganze Schnitt des Gesichts Adelsart waren. Er wandte sich ab und trat ans Fenster. Ohne etwas wahrzunehmen von draußen dachte er:

Es ist so sonderbar! Wenn irgendeinem guten Menschen eines Tages mitgeteilt würde, daß er in Wirklichkeit ein König sei, wie stolz würde er auf ein solches Geheimnis sein, wie zärtlich würde ers hüten, wie durchaus keine Gewissensbisse würde er sich machen, solch ein Geheimnis zu haben. Warum denn nur, warum machen wir diesen rätselhaften Unterschied zwischen Gut und Böse? Warum darf Gutes immer, Böses nie verheimlicht werden? O und warum, warum überhaupt sind wir immer und immer so nach außen gewandt, als wäre auch keine Spur Inneres in uns vorhanden? Habe ich hier nicht meine Seele, Träume und Triebe, Gutes und Schlechtes im Gemisch, und niemand weiß darum, fragt danach, scheint es überhaupt zu ahnen, aber dies, dies eine, das ich zufällig genau weiß, und das mir irgendeinen festen Bezug zur Außenwelt zu haben scheint, das glaube ich ausschreien zu müssen, als wär es das einzige, was ich besäße, und als wäre es gleichwohl nicht mein, sondern ganz allein Eigentum der Welt. Niemand hilft mir, niemand denkt an mich, in allen Ängsten, in allen Folterungen, herumgewälzt zwischen Gut und Böse bin ich sterbensallein, und nach diesem schreien sie, darauf zeigen sie, dies wollen sie alle, alle haben! Verflucht sollt ihr sein, und ich gebe es nicht! —

Eine Viertelstunde später übergab er seine Karte einem Kellner mit dem Auftrag, den Maler Bogner aus der Herzbruchschen Hochzeitsgesellschaft zu rufen. Er befand sich in einem Korridor mit Türen, der gegen eine Flügeltür verlief; die andern führten wohl zu den Garderoberäumen, denn aus einer kamen ein paar junge Mädchen in Weiß und Rosa, kicherten, erzählten sich was und schlüpften durch die Flügeltür, aus der ein Schein von Damenkleidern und Fräcken, Kronleuchtern, auch Stimmgeräusch und Musik herausdrangen. Alsbald kam der Maler, der in einem fameusen Frack aussah wie ein amerikanischer Geschäftsträger. Cora also hatte Georgs Karte gesehn, und infolgedessen sitze die ganze Hochzeit in Erwartung der Durchlaucht. Georg erklärte den Grund seines Kommens, und nun meinte Bogner, das Beste werde sein, mit Renate zu sprechen, und er wolle es übernehmen, weil Georg umringt werden würde. Damit gingen sie in den Saal, und auf Georg stürzte sich das alabasterne und himmelfarbene Meer mit Okeaniden und Tritonen, Muschelwagen und brausenden Hörnern.

Renate trug ihr königliches Haupt dahin auf dem Wunder ihres Nackens, fließend in meergrüner Seide, Brüsseler Kanten am Ausschnitt von Hals und Ärmeln, die Füße meergrün umrieselt. O wie sanft lächelten ihre Lippen Seligkeit über die Welt! O wie berauschte ihr Haar! Und auf der atmenden Fläche der marmornen Brust schwebte ein drittes Auge, ein großer dunkelblauer Edelstein in einem Kranz von Perlen, schön und unendlich seelenlos gegen die darüber schwebenden Juwelen, die gebadeten in Seele und Traum, aus denen es blickte, blickte wunderbar, und Mund und Augen, Brust und Haar hatten sich zusammengetan zu einem Bunde der Göttlichkeit, der herrschte und verwarf, der wie ein Reigen elysischer Wesen, in sich selbst versunken wie der Schwan, aufstieg in sich selbst, hinschwebend durch diese kahle Erde wie die Gloriole einer Heiligen, die sie von sich löste, als sie gen Himmel schied, damit aller Augen einmal ein Wunder sähen. —