Es giebt nur schöne Dinge auf Erden, dachte Georg voll Inbrunst und mit allem versöhnt. Ein alter Herr sprach von Großvätern und Beaune la Rolande. Alte Damen standen überall und lächelten augenblicks, wenn er sie ansah. Ulrika Tregiorni wandelte vorüber in Mattgelb mit weißem Überwurf und weißen Fichus, Antlitz wie Chinaporzellan, edelstes, schwarze Holunderbeeren in dunkelrotem Haar, welch unerhörte Erfindung! Josef Montfort schritt nachlässig herum und wehrte alles von sich. War das Anna, die dort tanzte, wie groß sie war? wie schmal in Hellblau, wie ernsthaft sah sie beim Tanzen vor sich hin. Männer und Frauen. Cora drang auf Georg ein mit flattrigem Haar, in bronzefarbenem, dünnem Samt, herbstlicher, lockerer, vergehnder als je. Wo war Renate? Cora redete unaufhörlich, Bogner trat herzu und sagte, daß Renate mit Magda gegangen sei; Magda habe darauf bestanden, noch mit dem Nachtzug nach Helenenruh zu fahren. Georg sank das Herz. Cora zwang ihn, mit ihr zu tanzen. Danach tanzte er unaufhörlich. Viele Mädchen waren da, für die er eine Erlesenheit bedeutete. Plötzlich löste sich die Gesellschaft auf; Georg entlief.
Nachtgarten
Er stürmte in die Nacht; Straßen flogen vorüber, Lampen schwebten über ihm still hinweg, er flog über einen Platz, hinein unter die schwärzlichen Hallen der Allee. Er wollte an dem Gitter hinter der Brücke am verschlossenen Garten stehn; was zog ihn nur dorthin? Er lief. Oh nun war es kein Palais und war kaum eine Natur, die ihn draußen im Weiten erwarteten, diesmal war er selber es allein. Er, er, er, der Mensch, der wahre, der nichts als Mensch, stand dort irgendwo angebunden zwischen Bäumen, unter Sternen, in der Nacht, ein Schwankendes im Nachtwind, ein Gefäß aller Düfte, ein Nachtspiegel der Gestirne, ein Auge göttlich, ein Ohr empfindlich wie Tieresohr, eine schluchzende Brust, ein Herz, oh, eine flutende Seele! Hin sich zu werfen an Erdboden, in Gras, anzubeten, wie eine Quelle Bluts von Ewigkeit oder Vergänglichkeit verschluckt zu werden, o mein Gott! Den dort Wartenden mußte er finden, ihn fassen, ihn umschlingen, in ihn schmelzen, ach das würde eine Wiederfindung sein, ein Tod, eine Auflösung und eine Auferstehung, von der die Dichter nichts ahnten. Oh Geliebte, Geliebte! Sanft werden, schluchzte er, Kind werden, wie du werden, dir ähnlich, dir nahe sein, in deiner Brust eine Musik, in deinem Herzen ein einziger Schlag, in deinen Augen ein Splitter von Gottesglanz, all dies nur einmal, nur einmal! — Nachtigallwirbel flogen schon zwischen Sternen, eine ungeheure Stille kam ihm riesig entgegen, eine Wasserfläche glänzte dunkel auf, er rüstete sich, darüber hinzuströmen wie ein Schwanenschwarm, aber eine Festigkeit unter den Füßen schwenkte ihn herum, da stand er Sternen gegenüber, die ihn alle anblickten. Gott, seid ihr viele! schrie er entsetzt. Wars hier, o mein Gott, war es hier? Wo war die einsamste Stelle, wo war der Platz der Erde, allein gemacht für ihn, seit Ewigkeit bestimmt und stark genug, die Unendlichkeit seines Gefühles zu tragen? Er eilte weiter, keuchend, stammelnd, reimend, zuckend von einem unaussprechlichen Namen. Was sind alle Kronen der Erde vor dir, und doch bricht unermeßliches Verlocken aus deinem Blick, sie alle zu erobern! Und Verlockung unermeßlich aus deinem Mund, meinen Namen fortzuwerfen wie eine Scherbe! — Da war das Gitter; es schüttelte ihn, er krümmte sich, hing an den Stäben, und aus der verschlossenen Mondestiefe des Parks, unsäglich fern, scholl der Liebesvogelton und klagte um ihn. Da weinte er um sich, da hatte er einen Schmerz gefunden, da ward es wunderbar still, und leise wagte er eine Silbe und sagte: Renate. — —
Georg ging in einer dunklen Straße der Altstadt. Hier gehe ich, dachte er, hier ist jenes Stück Weg, jener Brückensteg, zu dem keine Wege hinführen, auf dem man sich so findet, nachts, allein, von nirgendwo hergekommen. Irgendwo ist die andre Stelle, wo alles abriß, wohin es kein Zurück giebt, wo das Brett über das Bodenlose ragt, von dem ich hierher hinuntergestürzt bin. Nun gehe ich nachhause. Ich war wohl eben recht aufgeregt, nun bin ich kühl, ach, das kommt vor, später werde ich mich daran erinnern. Nachhause? Ich denke nicht daran! Ich will fort! Ich muß fort von ihr, wie könnte ich mich entschließen angesichts ihrer Unsäglichkeit. O du tausendmal verdammte Vergänglichkeit! Was soll mir denn der Rausch, die Erglühung, die Hingabe, wenn da keiner ist, der sie nimmt und für Ewigkeit verwahrt. Ich will sie nicht zurück haben, aber ich will einen wissen, der ewiger ist als ich, und der es alles erbt, dem alles zufällt, der es nimmt wie ein Stern oder eine der lauen, vorüberfließenden Wellen in der Luft, die allein für sich den noch unbekannten Frühling durch die Nächte trägt, aber ich bin hier unten, ewig hundertmal verdammt, mich zu überleben! Mit süßen Leichnamen behangen ziehn wir unseres Weges, o Allmacht, nach Hause, wie der drüben, der Einsame, der aussieht wie Benno. Er schwingt die Arme, es ist Benno.
„Benno,“ rief Georg, „wie kommst du hierher?“
Ach, Benno war entzückt, ihn zu sehn, er sprach noch leiser, noch unterirdischer als sonst vor stiller Freude.
„Ich konnte nicht schlafen, Georg, ich mußte in die Nacht! Ich mußte so viel an meine Mutter denken, und wie gut ich es nun bekommen soll. Es ist zuviel, es ist fast zuviel! Und ich dachte an dich — warum kamst du nicht zum Figaro? — und all deine Güte, und so lief ich dahin! Und nun kommst du selber gar, es ist fast nicht zu glauben!“
„Höre, Benno,“ sagte Georg, „ich muß noch diese Nacht auf einen Stern verreisen, und du sollst mit mir kommen. Es ist unumgänglich. Ich bringe dich jetzt nach Hause, du schreibst drei Worte für deinen Vater auf, daß du mit mir fort in die Gegend wärest, dann nimmst du eine Handtasche — du hast eine Handtasche! — legst eine Zahnbürste und ein Nachthemd hinein, und dann gehn wir in mein Hotel, schlafen womöglich noch zwei Stunden und fahren um drei mit dem Vlissinger Zuge.“
So schwach Benno sich widersetzte — denn der Gedanke schien preiswürdig, mitten in der Nacht zu paradiesischen Ländern aufzubrechen, fing Georg fast an zu weinen vor Angst, er könne ihn wirklich allein fahren lassen, und begann vor Verzweiflung so zu bitten, zu flehen: nur diesen Freundschaftsdienst und — er hielt inne, vor Bennos erschrockenen Augen seine Raserei bemerkend, aus der er ihm ums Haar goldenen Hafer aus marmorner Krippe versprochen hätte.
„Ja, was ist denn nur? was ist denn geschehen?“ fragte Benno verstört. Er beschwichtigte ihn wieder, er würde ihm alles später erzählen, wenn er nur erst verspräche, mitzukommen. — Da gab Benno nach, Georg atmete auf und drängte ihn eilig von dannen.