Neuntes Kapitel

Treppenhaus

Renate hatte, vom Bahnhof und Abschied Magdas zurückkehrend, sich alles aufsparen wollen — alles zu Fühlende und zu Denkende, was sie seit Mittag bis zum letzten Augenblick von Magdas Gegenwart aus sich verdrängen oder in Haltung hatte verwandeln müssen — aufsparen bis zu der Minute, wo sie ihr Zimmer betreten und damit sich allein in ihrem Gehäus haben würde. Jetzt aber, als sie die Treppe aus dem stillen, erleuchteten Hausflur emporstieg, sank eine Last von Schatten dergestalt über sie, daß plötzlich ihre Füße an den Stufen hingen, sich kaum von einer zur andern heben lassen wollten; und weiter als bis zum Absatz, wo die Treppe sich bog, gelangte sie nicht.

Wovon war die Luft denn so schauerlich dumpf im Haus? — Sie glühte mehr im Gedanken, daß es Luft der Seele, Luft des Schicksals sein könne, die sich so drückend auf ihre Brust legte, und schwer atmend öffnete sie ihre Jacke am Halse und schob den Schleier über die Stirne hoch. Dann legte sie die Muffe vor sich auf das Geländer, lehnte sich dagegen, und aus nun vollkommener Bewußtlosigkeit ihrer selbst folgte ihr Auge erstaunt dem weißen Säulengeländer empor zur Galerie und weiter hinunter bis zu der kleinen, gelblich verhangenen Lampe im Eingange des Flurs, an dem ihre Zimmer lagen. Von dort abfallend, glitt ihr Blick wieder hinunter an der weißen Täfelung der Wand, über das Geflügel, Gemüse, Wildbret und die Früchte des großen und dunklen Hondecoeterschen Stillebens, bis sie den hellblauen Läufer am Boden wie einen sehr stillen Bachlauf rinnen sah.

Mit einem Male fiel ihr ein: Weihnachten bekam Magda ein Telegramm von Georg. Und dies Telegramm, ja war nicht es allein schuld, daß Magda Gefühle in Georg vermutete, die vielleicht damals schon nicht mehr vorhanden waren? Dann schrieben sie einander Briefe, sie war glücklich darüber, und er — ich weiß nicht, was er schrieb, vielleicht war er nur zu schwach, nicht zu schreiben, vielleicht bildete er sich ein ... Nun gleichviel, aber an dem Telegramm jedenfalls war Bogner schuld und ich mit ihm. Ach, was hatte doch Magda einmal geschrieben? ein Wort Bogners ... Kein Mensch könne bei irgend etwas, das er geschehn lasse oder ... nun jedenfalls, die Folgen einer Handlung seien nicht zu ermessen, — ja, das war äußerst wahr und einfach, — und doch — dies Telegramm — dies Telegramm ... Es wollte Renate nicht aus dem Kopf, sie grübelte fruchtlos und beschwerlich herum, — langsam, unwiderstehlich fielen ihr die Augen zu.

Kaum aber in dieser Dunkelheit angelangt, wurde sie fortgerissen vom leuchtenden Wirbel der Hochzeit und, ohne die Augen wieder öffnen zu können, glaubte sie zu schwanken wie auf einem Schiff; ein Wirrwarr von Musikrhythmen, deutlich die Stimme des Klaviers, der Geige, Walzer-, Quadrillen-, Polkastücke durchjagten sie, sie fühlte sich unsichtbar umschlungen und davongedreht, dahingeschleift; Lampen, Gesichter, Ballkleider, Säulen schwirrten um sie her, sichtbar auf einmal erschien der rötliche Kopf des Onkels, — er saß rauchend in einem Winkel und schien behaglich zu plaudern. Da stand der Erasmus und sprach mit jemand, ernst und sachlich, Josef schlenderte neben einem jungen Mädchen durch den Saal, Magda schwebte, schmale, lichtblaue Erscheinung, vorüber ... Mühsam riß Renate die Augen auf und erschrak, sich trotzdem im Dunkel zu finden.

Was war denn das? Träumte sie? War sie blind geworden? — — Sie tastete, rückwärts tretend, nach der Lichtkurbel, drehte, — es blieb finster, doch die Finsternis färbte sich alsbald weißlich, es dämmerte, sie erkannte das Treppengeländer, die Wand, — und so merkte sie wohl, daß nur das elektrische Licht plötzlich versagte. Doch auch das schien ihr in diesem Augenblick seltsam und traurig genug — als ob das Haus kein Licht mehr brauche —, um sie davonzutreiben, und hastig, sich aufraffend, erstieg sie in der immer weißeren Dämmrung die zweite Hälfte der Treppe, ging die Galerie hinunter, in den Flur und — zauderte — — jetzt kam etwas — jedoch nur einen Augenblick. Dann bewegte sie sich bis zu ihrer Zimmertür vor, an der linken Seite des Flurs. Die stand weit offen.

Anstatt aber in ihr Zimmer blickte sie in einen weiten Raum, der von einer milchigen, weißen und lichtblauen Dämmerung wie von einem Nebel erfüllt war. Aus ihm, wie er langsam durchsichtig und klarer wurde, löste sich ein Halbkreis von schönen, lichtblauen Säulen, die ganz glatt wie aus sanftem Licht, von innen leuchtend in der weißen Nebelluft, schwebten, und zugleich strömte ihr ein Hauch von Frische mit einem inbrünstigen Narzissengeruch so stark entgegen, daß sie wollüstig aufatmete. Gänge von blauen Säulen schienen in alle Tiefen zu führen, wo eine bläuliche Dämmerung aus ihnen schmolz, wie ein Wald. Da bewegte sich etwas auf der Lichtung vor ihr, und sie erkannte jetzt, leise erschreckend, ein schneeweißes Tier, von ihr abgewandt, kaum größer als ein Reh, unendlich zierlich auf zarten Beinen und Hufen, über die ein langer, schneeweißer, lieblich gewellter Pferdeschweif herabfiel. Den Kopf hielt es gesenkt, so daß er ihr nicht sichtbar war. Jetzt — nun hatte es ihn erhoben. Sie sah betroffen ein großes, braunes, horchendes Auge, das sie nicht zu beachten schien, und sah das lange, wunderschön gedrehte weiße Horn, das von der Tierstirne nach oben ragte. Und nun, während ihr das Herz zitterte über die Lieblichkeit des Tiers, setzte es sich in Bewegung, zog einen langsamen Kreis unter unendlich anmutvollem Heben und Setzen der kleinen Füße — mein Gott, wie jung es noch war! — und ging zwischen den Säulen ruhig davon. Einen Augenblick noch bewegte sich in der Ferne der Silberfall des Schweifes, — es war verschwunden, und langsam begann das Blau der Säulen sich zu verhauchen; es löste sich alles in milchfarbene Nebel auf, und sie stand dicht vor ihrer weißen Zimmertür, im nächsten Augenblick im Zimmer selber, das noch immer von dem starken Narzissenduft über und über erfüllt war.

Dunkel

Renate merkte, daß sie auf einem Stuhl saß, und blickte ratlos umher. Noch einmal schwebte das Blau der glatten Säulen hervor, noch einmal mitten im Nebelsee das tiefe braune Auge, die kaum erkennbaren Umrisse des weißen Tiers, und als alles wieder fort war, fühlte sie sich überaus erfrischt und voll Dankbarkeit gegen das Wunder der Erscheinung. — Um sie her hatte ihr Auge es schon hell genug gemacht, um sie alles wieder erkennen zu lassen, allein wie auch Gegenstand um Gegenstand, ein wenig umhüllt nur von Nächtigkeit und Zwielicht, erschien und Art und Namen nannte, fand sie sich in so unbegreiflicher Fremde, daß sie Augenblicke lang glaubte, ein falsches Zimmer betreten zu haben. Nein, die Dinge selber waren unbekannt geworden ... Was war denn das, diese große und starke weiße Säule dort, die einen Granatapfel auf der Kuppel trug? Ihr Ofen — ja, und der weißsamtene Vorhang daneben verdeckte die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Weiterwandernd erkannte sie die weißlackierten Rahmen des Büchergestells an der Wand, die goldenen und mattfarbenen Rücken und auf dem obersten Brett die drei schönen Dinge: die dumpfblaue Vase voll weißer Tulpen, die runde, weißperlmutterne Wölbung der großen Nautilusmuschel und die kleine goldene Statuette des schmalen indischen Gottes. Sie drehte sich ein wenig im Stuhl, da war dicht neben ihr der kleine, eingelegte Tisch aus gelber Birke, die Kristallvase darauf mit groß entfalteten weißen Rosen, — sie erkannte die Stiele im Glas, — mehrere Blätter lagen auf der kleinen, gestrickten Decke darunter und der blanken Politur —, als schon das tiefe Seidenblau des Sofas dahinter ihre Augen erfüllte. Und dann sah sie auf dem Schreibtisch deutlich den fremden Berg weißer Blumen, der still dalag und atmete.