Josef ... dachte sie und rührte sich nicht. Kein Weg strahlte von dem Namen aus. — Nun eilte der leichte Silberschlag der Uhr mit raschem Schritt wie eine geflügelte Botin durch das immer hellere Zimmer, im Vorbeilauf sie streifend, ohne daß sie imstande war, die Stunde zu erhaschen. Doch stand sie langsam auf, nahm Hut und Jacke ab und legte sie auf den Stuhl, wobei ihr auf einmal Ulrika Tregiorni erschien, schwarze Holunderbeeren im dunkelroten Haar, vom Tanzen erblaßt, aber lächelnd, und sie fand sie, deren Wesen ihr nie ganz nahe gekommen war, in diesem Augenblick sonderbar rührend oder — schutzbedürftig. Die gute Ulrika! Da war zum ersten Mal Einer vor sie hingetreten, den es anzuschaun lohnte, ein richtig Fremder, nie Dagewesner, eine Art Weltwunder oder Mondbewohner, der sich wie Cyrano vom Kastanienast in ihr unbesorgtes Mädchenland herabgeschwungen hatte. Herr von Bergerac war nicht wirklich auf dem Monde gewesen, aber er kannte alle Methoden, um hinzugelangen, wie unerhört! — Leise lächelnd nahm Renate Hut und Jacke wieder vom Stuhl auf und trug sie ins Schlafzimmer, wo sie ihr meergrünes Hochzeitskleid noch über dem Bett liegen sah, und im nächsten Augenblick war sie, ohne nachzudenken, dabei, Rock und Bluse aus- und das Kleid anzuziehn. Vor den Spiegel tretend beim Zuhaken, drehte sie vergeßlich die Lichtkurbel, es blieb dunkel, sie erinnerte sich nun und sah sich gleich darauf seltsam fern in der dunklen Spiegelhöhlung stehn, — wie eine gefangene Meerfrau anzusehn, fand sie, leise frierend am bloßen Hals und den Armen.
Wieder im andern Zimmer schritt sie zum offenen Fenster rechts neben den Schreibtisch, die Blumen absichtlich übersehend und was etwa darunter sein mochte, schlug den Vorhang zurück und blickte in den nächtlichen Garten hinunter. Der war geisterhaft still und ergraut, das schwarze Gespinst der Baumkronen hing unbeweglich vor dem Unsichtbaren, Dunklen des Himmels mit wenigen, zittrigen Sternen. Grau lag in der Tiefe der Rasenplatz mit dem grauen Postament der Sonnenuhr. Kühl näherte sich die Luft und küßte sie leise an mehreren Stellen zugleich, Gesicht und Hals. Überdem bemerkte sie, daß sie die Aufgabe hatte, schwere Dinge zu bedenken, alles was mit dem Hause vor sich gegangen war, allein sie vermochte es nicht. Ich kann ja gar nicht denken, murmelte sie vor sich hin. Darauf fiel ihr ein — hatte nicht Shakespeare das gesagt —, nein, eine Frau bei Shakespeare sagte so ungefähr: Weißt du nicht, daß ich ein Weib bin und nur denken kann, wenn ich rede? — Sie lächelte und verlor sich.
Langsam wurde vor ihren Augen alles dunkelblau; in dem Blau entstanden zwei weiße, rechteckige Flecke, und sie merkte, daß sie, über den Tisch gebeugt, auf die dunkelblaue, straffgespannte glatte Seide ihres Sofas hinunterblickte, aber die weißen Flecke waren die Bilder darüber auf der lichtgrünen Wandbespannung, zwei aus den Tänzen Ludwig von Hofmanns, in weißen Rahmen, und während nun ihre Augen von der zarten Woge tief sich verneigender Frauen zur Linken nach dem nackten, weit und luftig daherspringenden Tänzer zur Rechten hinüber und zurück wanderten, schillerte dahinter allmählich wieder der Tanzsaal auf, Ulrika schwebte vorüber, Josef drehte sich wie ein Halbgott voll Seelenfriedens um sich selbst und seine Tänzerin sich um ihn, beseligter als er, das schien gewiß. Sie sah Erasmus auf sich zukommen, gut tanzte er nicht, doch auch nicht schlecht, und nicht unritterlich, aber Georg — er hatte tiefe Augen gemacht, bemerkenswerte Augen, aber — ich mag ihn gern, dachte Renate, er sieht doch richtig aus, wie man sich so einen jungen Prinzen denkt, sein Blick ist gut und ehrlich, ich glaube, daß er nur aus falschem Mitleid an Magda geschrieben hat, — ja, mein Gott! — Zwischen andern alten Herrn erschien ihr der Onkel im Rauchzimmer, wie immer anzusehn, wie immer ... Ihr Herz klopfte plötzlich hart. Was wird nun werden? fragte sie schwer und ratlos. Josef — ah, ich weiß, daß er nicht für immer fortgeht, weil ich ihn halte, ich! — — Überdem wanderten ihre Augen über den Schreibtisch hin zu dem kleinen, weißen Gipskopf des Ech-en-Aton auf dem Pfeiler in der Ecke. Oh wie es blüht, dein Göttergesicht, dachte sie ergriffen. Beschattet, weißer als die Narzissen, schimmerte das zarte Antlitz, der Mund, süß gewölbt, lebte, atmete, die Augen unter gesenkten Lidern blickten verschleiert in unendliche Zeit, die er über sich fortrauschen ließ mit unendlicher Geduld. Ewiger, was siehst du denn? Ewiger! Immer die Sonne, den flammenden Gott, und fühlst seine kleinen, segnenden Hände auf Stirn und Lidern und Mund und glühst unverzehrt durch Jahrtausende ihm zu? — Schweigsam und über die Maßen edel schwebte das kleine Antlitz, sanft emporgehalten vom Hals, nicht lächelnd, ernst — ernst — ernst ... Aber Josef hatte es einmal dorthin gestellt und die Säule, die es trug, war von ihm, — Renate seufzte, ging nun endlich zum Schreibtisch, setzte sich davor und ließ ihre Augen in den rotgeränderten Kelchen der Narzissen umherwandern. Vieles muß nun ausgefochten werden, bestimmte sie, ich werde es — — ja, was denn? Da sah sie den Onkel; allein, obwohl gleich von warmer Liebe und Mitleid überflutet, war etwas an ihm, das sie völlig fernhielt. Ja, allein würde er dies tragen, ganz allein: ihr blieb nichts, als weiterhin zu tun, was immer ihre leichte Aufgabe gewesen war: das Haus im Stande zu halten. Ja, nur eine einzige wärmere, zartere Bewegung von ihr, gerade jetzt, konnte ihn nur schmerzen, nur verletzen. — Ach, und dann Magda! Kaum erlöst, kaum genesen von diesem schauerlichen Winter traf sie der Doppelschlag an einem Tag, von Georg her und vom kranken Vater. — Glühend in trüber Hülflosigkeit dachte sie: Auf einmal bin ich allein. Und nun wird es ja Frühling ... Sie breitete unvermutet die Arme aus, es kam aber nichts, als daß sie sich über die Blumen warf mit beiden Armen, mit dem Antlitz und mit großer, brennender Pein, Wangen, Mund und Stirne badete, und als sie aufsah, war es ihr, als hätte sie geweint.
Ihre Brust schmerzte. Geweint? murmelte sie ungläubig, um wen denn?
Da flammte sie auf. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und zerdrückte etwas im Herzen mit aller Gewalt, das aber, anstatt zu schwinden, mit solchem Triumph wieder hervorbrach, daß ihr schwindelte, daß sie — ratlos für Augenblicke — an ihrem Hals tastete nach etwas, das nicht da war, dann den Narzissenberg zur Seite räumte, den Brief, den sie darunter fand, irgendwohin legte, nun aufstand, ins Schlafzimmer lief, umhersuchte, endlich auf dem Frisiertisch die schwarze Schnur mit dem kleinen Schlüssel fand, wieder zurück eilte, die mittlere Schreibtischlade öffnete und aufatmend das Buch hervorholte, in das sie seit ihrer letzten Reise fortgefahren hatte hier und da eine Eintragung zu machen. Blätternd, bis sie die erste leere Seite fand, tastete sie nach der Feder, tauchte ein und schrieb — die Schriftzüge kamen im Halbdunkel kaum leserlich unter der Feder zum Vorschein — das Wort: Geliebter! groß hin. Dann, fliegend, darunter: Benvenuto ...
Sie wollte weiter, sie hielt ein. Jählings fühlte sie sich eiskalt am ganzen Leibe. Da sah sie ihn stehn, in der Dunkelheit, unter den Bäumen, außerhalb des Gartens; sie verspürte den zitternden Schlag wieder, den sein Anblick ihr versetzte, den fast mit Wut aufspringenden Quell ihres Herzens, den monatelang verdämmten, und zuletzt den schweren Schmerz, den es sie kostete, als sie die ganze Trunkenheit wieder hinunterdrückte unter ihre Füße, um — wie auf einen ringelnden Drachen — daraufzutreten.
Jetzt war er wieder da. Sie las die Worte, die sie geschrieben hatte, beschämt und verwirrt, legte leise das Buch in die noch vorstehende Lade und schob sie zu. Wie lange, wußte sie nicht, aber sie saß angelehnt im Stuhl, als sie sich wieder fand, unaufhörlich aufwärts lächelnd gegen das kleine Königsgesicht, zu sich kommend so müde und so erstaunt, als wäre sie für Minuten selber in eine Narzisse verwandelt gewesen, lodernd von Süße und von Seele.
Sie erinnerte sich des Briefes von Josef, fand ihn auch neben den Blumen, entzündete die Siegelkerze, schlitzte, während die Flamme sich langsam entfaltete, den Brief auf und fand mehrere große Bogen darin nebst einem zweiten gefüllten und versiegelten Briefumschlag, auf dem in Josefs schwarzer und feurig aussehender Schrift geschrieben stand:
„Zu lesen nicht vor meinem Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.“
Matt lächelnd, ohne zu verstehn, faltete Renate die offenen Bogen auseinander und begann zu lesen.