Brief
Liebe Renate:
Dein Verstand sagt Dir beim Anblick meiner Handschrift auf dem Briefumschlag, was dies alles bedeutet.
Als wüßte sie es jetzt erst in der Tat, hielt Renate inne und richtete die Augen von dem Geschriebenen in die gelbe Lichtflamme.
Ja, nun war es unheilbar. Er war gegangen, an diesem Tage, in solchem Augenblick. Nein, was man ein Herz nennt — Spittelers Hündlein kam ihr ins Gedächtnis — etwas Weiches, besaß er nicht. Er tat und ließ nach Gedünken. Ihre Gedanken irrten ab, sie senkte die Augen wieder auf das Papier.
... was dies alles bedeutet. Gott segne Deinen Geist, bete aber fleißig, daß er Dir nicht verwirrt werde in diesem geistlosen Lande. Mach Dir keine Sorgen wegen meines Fracks; ich habe, wie Du weißt, Gelegenheit, ihn mit der Reisekleidung zu vertauschen. Dort werde ich auch den Abschied nehmen, der nun einmal bei allen Reisen genommen werden muß, so daß ich mir den unsrigen ersparen kann. Zuvor aber sind einige Worte noch unumgänglich.
Ich möchte, daß Du, wenn nicht den Grund, so den Ernst, die Notwendigkeit meines Fortgehens verstehst, oder, so Du die nicht verstehen kannst, immerhin siehst, daß sie vorhanden sind.
Allerdings ist das nicht leicht zu schreiben, denn wenn ich an sich schon eine Abneigung habe, von mir selber zu reden, mich zu erklären womöglich, finde ich es lächerlich dazu, sich in die Welt zu stellen und zu sagen: Ich passe nicht hinein, gebt mir eine andre! — dies zu sagen, ehe nicht die eigene Zulänglichkeit bis an ihre Grenzen, d. h. bis an die Grenzen der möglichen Welt ausprobiert worden ist. Wohlan, ich mache mich auf den Weg.
Obwohl zu betonen ist, daß ich mich für keinen Abenteurer halte. Ich bin es — fast möchte ich sagen: leider — so wenig, wie etwa Kolumbus einer war. Abenteurergelüste um ihrer selbst willen besitze ich nicht. Mein Wunsch war immer, etwas zu leisten, und noch bin ich überzeugt, daß es etwas giebt, das imstande ist, mich zu fesseln. Uralt gallisches, deutsches und semitisches, innerhalb des deutschen obendrein schwäbisches und preußisches Blut — aus dieser Mischung bin ich, der ich bin. Viele Strömungen und kein Strom — das ist klar. Ich tue aber, was ich kann, werde es auch noch besser tun, als bisher; hierzuland freilich kann ich nicht.
Obgleich erst morgen eine endgültige Entscheidung hier im Haus fallen wird, schreibe ich diesen Brief schon heut, das heißt in der Nacht — besser: am frühen Morgen — vor der, in der Du ihn liesest. Vor einer Stunde trennte ich mich von einigen guten Leuten, unter denen dieser nette, kleine Prinz war, ein Musterbeispiel der heutigen Jugend. Noch einmal versucht ichs — Gelegenheit und Objekt waren so günstig — versucht ich es, über einen Menschen zu kommen, ihn zu: betören, — und nun — er war in meiner Hand, ich hätte ihn in der Folgezeit drin behalten, hätte zum Königsmacher werden können an ihm, jedoch — ich lasse es. Auch er ist eben einer von diesen Innerlich-äußerlichen, diesen ‚Impressionisten‘, die von allem einen Eindruck davontragen müssen, aus tausend Eindrücken aber nichts zustande bringen, bei aller Arbeit, was einer kleinen Tat ähnlich sähe. Viel Verstand und wenig Hitze. Alle Gebärde schlägt, eh du dirs versiehst, nach innen zurück. Sich verleiten lassend zu allem, lassen sie sich hinreißen zu nichts. Aber genug von ihm. Er ist jung, wirds auf seine Weise zu was bringen und sollte übrigens ein kleiner Herzog werden, damit für eine Weile der Denkmalsunfug im Lande aufhört oder in andre Bahnen kommt, denn er hat Geschmack und ist belesen.