Die Menschen gehen hierzuland auf eine Weise umher, die überaus aufregend anzusehn ist. Alle sind beschäftigt mit irgend etwas, aber niemand hat einen Beruf. Es verloddern die Seelen scharenweis. Jeder verfolgt etwas, und nicht einer wird verfolgt, nämlich von etwas, das über ihm wäre und Nahrung verlangte aus seiner Seele. Jeder hängt an seinesgleichen, und so wanken sie alle herum. Nein, an etwas hängen sie zudem, an dem Klebrigen, dem Ekligen, am — oh siebentausend Höllenflüche, Du Engel! — am Geld. Wärs noch Gold, gutes, gemünztes Gold, säßen sie noch als leibhaftige Shylocks über eisernen Kästen und fleischlichen Kaufmannsbrüsten, wetzten sie’s Messer, brächten sie sich alle miteinander ins Zuchthaus, — man ließe sichs gefallen. Das Geld ist keine Macht, das Geld ist bloß ein Laster dahier. Laster wie Trunksucht, wie — eben solch ein Klebriges, von dem nicht loszukommen ist. Haben oder Mehrhaben, das sind die zwei Losungen. Sahst Du je einen Freien? Sahst Du je einen großen Gelehrten, der nicht den albernsten Redeschwulst, vor einem Kegelklub gehalten, ungedruckt lassen könnte, — weils Geld bringt? Je einen Künstler, der ein Kriegerdenkmal ablehnte, einen Dichter, der seinen Roman unverdramatisiert, veropert, verfilmt lassen könnte — wenns Geld bringt? Der Arbeiter will nicht sein Recht haben, sondern sein Geld und vergiftet sich den Tag obendrein, den die Luft der Maschine schon verpestete. Ein ungeheurer Überfluß an Humanität hat diese alte Welt dazu gebracht, den einzigen Wertmesser jeder Leistung, das eigene Leben oder: den Tod, wegzubrechen. Seitdem liegen alle Gegenstände umher, gut eingeschlagen in bürgerliches Stempelpapier, aber das große kaiserliche Siegel fehlt. Es wird nur um Geld gespielt. Über allem aber thront, auf seinem Piedestal von Feuilletonpapier, der ewig nörgelnde Götze sogenannter Kritik. Gott schlug schallend in jeder Neujahrsnacht an die Herzen, und nicht eines gab einen Ton. Keiner fühlt.

Erhalte dir dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben, sagt Salomo. Wohlan, ich bin auf dem Wege.

Ich könnte ja mit dem Flugapparat in die Lüfte steigen und Mut beweisen. Zum Nordpol forschen gehn, Perlentaucher werden, nicht wahr, oder Schutztruppensoldat in Südwest, oder Tiger schießen. Ich sage Dir, es genügt mir nicht, auszulassen, was in mir ist, es wäre mir lächerlich, zu beweisen, was ich habe; ich will: Form.

So rührend schamhaft ist der Norden! Jeder leidet, und keiner giebt es zu. Alle seufzen unter der Unzulänglichkeit, unter der Dumpfigkeit und Entstelltheit ihres rein und schön empfangenen Lebens, aber keiner käme nur auf den Gedanken, nach einem Retter auszusehn. Hast du auch ein Herz? fragt einer vielmehr, und da antwortets: Schrei nicht so laut! ich hab keins, — das heißt — vielleicht, ich will mal sehn, in meiner Frau ihrer Schürze ist so was Dickes, — sagt er. Vor lauter Höflichkeit knüllen sie sich zusammen wie Seidenpapier. Ach, ich gönnte dieser hochwohlgeborenen Bevölkerung eine Pestilenz, ein Schlachtfest des Ares, das sie jahrelang mit den Köpfen gegen den Nabel drückte, bis sie merken, wozu ihr Wahnsinn sie gebracht hat.

Ja, mich ekelts vor dieser Welt der Langweile und Sommersprossen, wo nichts sich erreichen läßt, weil alles vor einem liegt, wo nichts zu führen ist als Schläge ins Wasser, wo alles papieren ist, Bankpapier, Wechselpapier, Geldpapier und Zeitungspapier, wo ein entsetzliches Trägheitsvermögen das ganze schäbige Gesetz des Daseins vorstellt, das jüngste Mark schon würgend, wie dieser kleine arme Prinz mir zeigte, der Sekt aus Eimern trinken muß, weil ihm das gelehrt wurde anstelle der dürftigen Kunst, mit einem halben Glas Haute Sauternes und einigem Sodawasser Hirn und Kehle für eine Nacht geschmeidig zu erhalten. In die unterste Sohle eines Kohlenbergwerks möchte man sich verkriechen, wenn man nur diese unaufhörliche Helligkeit sieht. Es giebt keine Nacht mehr, geschweige denn Sterne, vor dem weichen Antlitz des Dunkels schauderts sie alle, aber nicht vor ihren, vom Kunstlicht entstellten Gesichtern, und es ist nicht herauszukommen aus diesem Gewirr von Bahnhofslichtern; man muß die Augen zukneifen, um einmal zu sehn, wie es leuchtet aus innen bei Finsternis. Nein, ich will nichts mehr von diesem alten Land, wo die Straßen sich tausendfach kreuzen und an jeder links und rechts Laternen und Meilensteine so dicht stehn wie die Spargel im Frühbeet. Kein Weg, den nicht sieben Schwaben breit stampften, kein Wort, das sich nicht vor Scham verkriechen müßte, weil es nach Alter riecht. Wo alles sich befehdet ist, lieblos, unfreundlich, weicht sich doch alles aus, nichts widersteht, nirgend ist ein Feind — —

Nun schon genug, mein Freund, sagte Renate, das Blatt ein wenig von sich schiebend, vor sich hin. Mir scheint, ich habe dich noch nie so viel und so laut reden hören. Freilich — deine Einzigkeit würde nicht darunter leiden, wenn es mehrere von deiner Art gäbe, und das könnte wohl nicht schaden. — Trotz solcher Gedanken fühlte sie sich nicht unversehrt von der Glut seiner Sätze, die sie noch an sich hochspringen fühlte wie eine höchst lebendige Meute. — So neigte sie sich wieder über das Blatt.

Aber was geht all das Dich an? Du weißt ja von alledem nichts. Ich dachte oft: Bäume müssen sich so empfinden wie Du, Pappeln an den Landstraßen, wo alles vorübereilt, aber — der Baum an der Straße spürt das Lärmen um sich her kaum mehr als Du, deren Leben ganz in sich selber vor sich geht. So lebe wohl.

Ich habe nunmehr mein Testament für Dich aufzusetzen.

Zuerst hinterlasse ich Dir meinen Bruder Erasmus. Glaube mir, auch die Felsen der Wüste bedürfen der Pflege. Erasmus, ein Felsen der begabtesten Art — nie klagend oder bettelnd —, wird Dir niemals danken, noch zeigen, daß er Deine Pflege bemerkt, so fest ist sein Charakter. Sei also reine Sonne, die über die Richtigen und Unrichtigen scheint.

Ich hinterlasse Dir zweitens meinen Vater. Hier habe ich nichts hinzuzufügen; dies geht mich allein an.