Ich hinterlasse Dir Bogner, den Mann nach meinem Herzen, ich hinterlasse Dir unsern Freund Saint-Georges. Ich hinterlasse Dir Haus und Garten, Zimmer, Tisch und Stuhl und die tägliche Speise. Nichts, das Dir nicht meine Hand, mit Segen gesalbt, hinterließe. In diesem Augenblick, in jedem Augenblick, wo einer Abschied nimmt, wird er zum Herrn und Eigentümer des Bleibenden und verschenkt es an die Bleibenden. Den Himmel über Dir, die Erde unter Dir, die Luft, die Du atmest, die Sonne, die Dich freut, Regen, der Dir Langmut schenkt, alle Winde und Vogelstimmen — ich lasse sie Dich erben.
Ach Josef, dachte Renate in einiger Wehmut, aber kühl, — verschenken, um zu besitzen, nicht wahr? — Sie sah zum Ech-en-Aton auf über ihr. Dich hat er vergessen, mein zarter Freund, und die Orgel hat er auch vergessen, unser Seelenhaus mit den tönenden Wänden. — Renate nickte und las weiter:
Die Stare lärmen in höchster Munterkeit, die Sonne saugt den Tau von den Blättern, die sanfte Amsel ist schon verstummt. Lebewohl! Ich weiß, daß wir uns in einigen Jahren wiedersehn werden. Meine Hoffnung ist, Dich an Seele und Leib so ungewandelt wiederzufinden, wie ich selber unverändert zurückkehren werde. Ich werde zuerst das anscheinend Sinnverlassenste auf Erden, das Land der Vereinigten Staaten von Nordamerika probieren; vielleicht, daß es schon genügt, Europa in besserem Lichte zu sehn. Dabei fällt mir ein, den Wunsch zu äußern, Du mögest an irgendeinem Tage jedes Jahres — etwa Deinem oder meinem Geburtstag — ein paar Briefblätter mit einem Umriß Deines derzeitigen Lebens füllen, ein paar Farben hinein, ein Licht — keinen Schatten, oh Holde! — und das Ganze unter meinem Namen an das hiesige Konsulat von Costarica schicken, wo ich einen Freund sitzen habe.
Ich danke Dir für diese letzte, imaginäre Berührung Deiner Hand an meinen Lippen.
Josef.
Renate legte die Blätter zusammen und blickte, sie in den Händen behaltend, in das Licht. Langsam begann die Flamme sie zu schmerzen, es kam eine Träne, eine zweite, dann, nach einer Zeit, eine dritte, die sie fließen ließ, ohne danach zu sehn, fast ohne sie zu merken.
Die Uhr vor ihr schlug einmal an, — es war halb eins. Gleich darauf hörte sie die Anfahrt eines Automobils von der Straße her und war im selben Augenblick aufgesprungen und zur Türe geeilt. Sie trat über den Flur in das Nähzimmer und vorsichtig, um von außen nicht gesehen zu werden, in die Nähe des Fensters. So, heftig atmend, gepeinigt vom Verlangen, hinunter zu laufen, von der Furcht, den Onkel zu erschrecken und verletzen, sah sie den großen schwarzen Wagen vor dem Hause halten, sah im Laternenschein den Oheim aus dem erleuchteten Innern steigen, wo der Schatten des Erasmus sich vorbeugte, und langsam durch den Vorgarten kommen. Der Schlag fiel zu, das Automobil rauschte auf und entfernte sich zu Renates Verwunderung mit Erasmus, indem es einen Bogen beschrieb. — Wohin denn fuhr er noch? Ach! Noch einmal zu Josef? —
Ihr fiel ein, den Kurzschluß des Lichts zum Vorwand zu nehmen und mit der Kerze ins Treppenhaus zu treten. Aber sie hörte die Schritte im Hause laut werden und wieder still, dann die Treppe heraufkommen, — es dauerte ihr eine Unendlichkeit, und doch bewegte sie sich nicht. Erst als lange Schweigen war, nichts mehr sich rührte, trat sie wieder in den Flur und hinüber in ihr Zimmer.
Ich kann nicht! dachte sie, dastehend, ergeben. Er verhüllt sich vor mir, wie kann ich ihn anrühren? Alle verhüllen sie sich, — Bogner, Erasmus, und Josef, — oh mein Gott, wenn ich nur sehn könnte, wäre dein Brief eine einzige Lüge! Bis in die Fingerspitzen hab ichs gefühlt! Und wenn jedes Wort drin wahr ist — Wahrheit ist es doch nicht! Und — ach —
Unversehens löschte sie das Licht wie aus Scham.