„Ja,“ unterbrach Georg ihn erregt, „da wurden sie Gleichnisse für Menschenleid aller Art, erhabene Sinnbilder, geadelt von ihren Dichtern. Die andern, die Gezeichneten, Verfluchten, trugen auf ihren Stirnen Blitzfeuer vom Himmel oder vielmehr vom Schicksal, das ihretwegen aus der Nacht vorgetreten war.“

„Gewiß, Sie wissen alles sehr gut“, sagte der Maler. Georg, ein wenig stutzend bei dieser Antwort, betrachtete den Maler eingehend, der sich inzwischen an den Tisch gesetzt hatte und im Sprechen eine flache, als Aschenbecher dienende Perlmutterschale hin und her drehte. Auf einmal schien ihm klar, daß, während er selber hervorsprudelte, was der Augenblick ihm eingab, der Maler wie von Schränken oder Sofakissen seiner Kinderzeit redete, Dingen, die sich in alle Ewigkeit nicht verändern, und die voll und fertig da sind, wenn man nur dran denkt.

„Ich glaube,“ murmelte er, „es wäre mir und Anna lieber, wenn sie ein simples Dasein ohne Größe und Glorien haben könnte.“

Der Maler sah sich nach ihm um und lächelte sein bezauberndes Lächeln.

„Ich war Ihnen gleich gut, Prinz,“ sagte er freundlich, „dafür plage ich mich gern mit Ihnen. Nicht wahr, Sie glauben an die Dichter. Das ist wacker, bloß — es verdirbt ein wenig die Anschauung. Was die Dichter sagen, das glänzt, haben Sies nie bemerkt, und was sie glänzend machen, das lodert zum Himmel. Aber wie ich schon sagte: was hilft es der kleinen Chalybäus, ob ich und Sie an ihre Zigeunerin glauben, und was hilft es ihr, ob jemand anders ihre Taten groß und ihr Dasein glorreich sieht. Sie hat ihr Leben, wie ich meines habe, wie Ihr Vater, Ihre Mutter, Sie selber. Für die Zuschauer kommt es ja nun immer auf die Beleuchtung an, das ergiebt dann später Geschichte, und daraus schöpfen Ihre Dichter das Glänzende.“

Georg, dem es irgendwie schien, als wolle der Maler auf etwas noch andres hinaus, als was seine Worte angaben, unterbrach ihn.

„Ich verstehe ja, Sie sind ein Maler, Sie dozieren die malerische Ethik, nein, nein!“ rief er glühend und geängstet, „ich bitte Sie, sagen Sie mir, ob Sie selber dran glauben. Glauben Sie, daß ihr dies geschehen wird?“

„Da würde ich mich an Ihrer Stelle doch an die Tatsachen halten“, versetzte Bogner kühl.

„Warum weichen Sie mir aus?“

Bogner schwieg, zog einen kleinen Bleistift aus der Westentasche, schob ihn einmal in seiner gelbgegriffenen Blechhülse hin und her, steckte ihn wieder fort und schien frische Langmut geschöpft zu haben.