„Wer, liebe Durchlaucht,“ sagte er, „wer giebt Ihnen eigentlich das Recht, meine Gedanken gehört zu bekommen?“
War das grob? — — Nein, grob nicht, nur anders.
„Ich dachte nur,“ brachte Georg zögernd und bescheiden vor, „im Gespräch sagt man, was man denkt, oder man lügt. Sie aber, verzeihen Sie, wenn ich das sage, Sie — Sie sprechen eigentlich nicht, sondern Sie antworten, Sie sind ein Schweig—“
„Ja, sehen Sie,“ unterbrach Bogner ihn ganz erfreut, „ich sagte ja, Sie wüßten alles sehr gut!“ Georg wurde verlegen und froh, als er den Maler fortfahren hörte: „Ich meinte ja nur, es würde Ihnen nichts nützen, zu hören, was ich denke. Was ich wirklich denke, hören Sie ja doch nicht, sondern nur, was Sie gern wollen, daß ich denke. Das Wort ist insofern eine große Lügenbrücke.“
Georg war begeistert und gab ihm strahlend recht. „So ist es“, sagte er. „Ich drücke meine Gedanken in Worten aus, und Sie meine Worte wieder in Gedanken, dabei geht natürlich das meiste verloren, es ist sehr traurig.“
„Das Wort ist gut,“ entgegnete der Maler, „sagen Sie nichts gegen das Wort. Bedauerlich sind allenfalls die Menschen. Jeder will vom Andern hören, was er selber denkt; bekommt er das nicht, glaubt er, der andre will ihm seine Meinung aufreden, und das will der ja auch meist. Sie wollen einander überreden, dann zanken sie sich, und die Verständigung ist beim Teufel. Aber im Verkehr so untereinander, da entsteht ein halbes Begreifen, ein Mittelding zwischen Gesagtem und Gehörtem, das genügt.“
„Nein, das genügt mir freilich nicht“, seufzte Georg und dachte an Tasso. Es rührte ihn, sich mit Tasso, den Maler mit Antonio zu vergleichen. Ach, dachte er, Eleonore hat ihn auch nicht verstanden! Giebt es aber nicht wenigstens auserlesene Stunden, giebt es kein Zusammenfluten unter den Brücken? Muß man vielleicht schweigen lernen? Ah, das gäbe am Ende einen Schluß auf die Entstehung des Kusses! Meine süße Anna, dachte er betrübt, was ist mit dir? — Die Sehnsucht übermannte ihn, er dachte an ein süßgoldenes Verstehn und wurde trauriger, weil sie nicht ihm sich anvertraut hatte, sondern diesem Antonio. Da raffte er sich noch einmal auf.
„Aber Kunst,“ sagte er, „ist Kunst nicht auch eine Sprache? Sie sind ein Künstler, behaupten Sie nicht, diese seelenverkündende Sprache zu besitzen, zu ahnen, zu erraten, was in uns, was in allen Dingen vorgeht, was für ein Sinn darin ist oder so, achten Sie nicht auf die Ausdrücke! Die Seele, Art, Leid, was Sie wollen, — dies zu sagen, zu offenbaren?“
Der Maler schwieg eine Weile, wie es schien bedeutend nachsinnend.
„Nein“, sagte er endlich. Er winkte mit der Hand und wiederholte: „Nein, das ist nichts. Die Dilettanten sagen das immer, und alle, die über die Dinge nachdenken. Ich will damit nicht sagen, daß ich nicht auch ab und an etwas dächte, aber wissen Sie —“ Der Maler war augenscheinlich nicht nur um Worte, sondern um alles verlegen und schloß plötzlich kurz: „Man malt eben.“