Schreibzimmer
Coeur de fleures — coeur sans peur ... Der Vers geriet im Augenblick, wo Georg die Tür hinter sich schloß, in sein Gedächtnis, während sich zugleich eine so heftige Beklemmung um seine Brust legte, daß er sich, gedankenlos den Flur in irgendeiner Richtung hinuntergehend, nach ihrem Grunde fragte und alsbald herausbekam, daß er Annas erschütterndes, vielleicht zu — sonderbares Erlebnis während der letzten halben Stunde vergessen hatte; vergessen, obgleich er nur deswegen geredet und so auf den Maler eingedrungen war. Er stieg die Treppe hinunter und fand sich gleich darauf im strömenden Regen. Er hätte trockenen Fußes durch das Haus gehen können, aber er gönnte es sich, naß zu werden, wie Jakobsens Fennymore sich den Schnee, als ihr Mann tot lag und der elende Lhyne übers Eis kam. Was hatte der Maler gesagt? Schiller und Herodot und dergleichen ... Hatte er recht? Gegen die wild heruntergießende Strömung ankämpfend, erinnerte ihn der Anblick des im Regen schattenhaften Turms auf der Ecke an seine Mutter, der nichts so wohl tat wie die elektrische Luft beim Gewitter, während ihr Herz eine regelrechte Behandlung mit elektrischen Strahlen nicht vertragen hatte, und dies erleichterte ihn wieder. Die leere Fläche der Terrasse, auf die er zuging, ohne Möbel und Sonnenzelt, lag bräunlich und schütternd wie eine Wasserfläche mit den Kreisen der tanzenden Regenjungfern bedeckt; es plätscherte über die Stufen, auf dem dunkelbraun gewordenen Wege darunter kreuzten sich hundert bewegliche Rinnsale und Schnellen; die kleinen, weißen, dunkel und rosaroten Wolken der Rosenstöcke schwammen in den Regenschleiern hin und her, aufgeregt wie die bunten Kinderballons im Winde; einzelne Blätter trieben flackernd davon und segelten auf den Regenbächen, während oben in den Steinurnen die roten Geraniumranken in sich geduckt geduldig stillehielten. Alles wie frisch, wie lebendig und kühlig, — ja, und nun mußte er obendrein vor der verschlossenen Tür stehn und warten, bis auf sein Klingeln ein Diener kommen würde. Sonderbar war der Anblick des dämmrigen Saals durch das nasse Glas, wo in den sechs deckenhohen Nischen auf vielen Konsolen übereinander die hundert kleinen Vogelfiguren aus Meißener Porzellan in ihren bunten Farben leise leuchteten, hier das satte Rot eines Dompfaffen, das Gelb eines Pirols, das Grün eines Zeisigs oder Wellensittichs, und wie still hockten sie alle!
Nasser geworden als vorhin im Teich, so kams ihm vor, konnte er endlich eintreten und ging, das Gesicht mit dem Taschentuch abtrocknend, links hinüber zur Tür, hinter der es von Schreibmaschinen klapperte. Er öffnete und trat, noch die Hände trocknend, durch die Spalte — schon wütend angerasselt vom wetteifernden Geklapper der beiden Maschinen — in den großen, hellen Raum mit drei Fenstern.
Das Mädchen am mittleren Fenster, das ihm den Rücken wandte, sah sich flüchtig um und fing an, auf ihrem Diktatblock zu lesen. Fern drüben am dritten Fenster bewegten sich fuchsrote Wellenscheitel in die Höhe, und dieses Wesen Fliddridd sah ihn blicklos an aus ihrem runden, weißen Gesicht. Sie kniff dabei die winzigen Augenschlitze zwischen dicken Lidern fast zu, während zwischen den Zähnen und leuchtend geraniumroten Lippen hervor langsam die Zungenspitze zum Vorschein kam, wieder von einem andern Rot, mehr bläulich, worüber Georg sich wunderte, auch über die Art, wie ihr ganzes Gesicht nun wie eine Seifenblase lautlos in Lachen zerplatzte.
Gans! — Georg wandte sich ab und sah an der langen Wand der Aktenregale voller Ordnungsmappen den Doktor sitzen, breitbrüstig und stämmig vor seinen zusammengeschobenen, mit einem entsetzlichen Wirrwarr von Papieren beladenen Schreibtischen. Ach, was hatte der Mann doch für ein prächtiges Gesicht, so von der Seite besonders! Georg sah die vollen, gerundeten und geröteten Wangen, das starke Kinn, den hängenden braungrauen Schnurrbart, den mächtigen Uhuschnabel der Nase und den nachdenklichen Blick der feurigen, braunen Augen mit starken Tränensäcken unter hochgezogenen Brauen auf die schreibende Feder gerichtet, — und nun, da er sich umwandte, hatte er die volle Ansicht von vorn: den Nasenrücken grade und streng und lang, die kräftig roten Wangen und die majestätische Giebelung der Stirn mit den hochgeschwungenen Brauen, während er mit seinem, immer gleichsam königlich erstaunten Ausdruck und nicht ganz anwesenden Geistes gleichwohl sehr erfreut lächelte.
„No — Georg?“ fragte er, noch immer ausbleibenden Geistes, doch teilnehmend immerhin.
„Du siehst doch aus wie König Saul“, sagte Georg näher zu ihm tretend. Er zog die Brauen noch höher, wiegte den Kopf jüdisch und hob die Schultern, lachte und sagte, langsam zurückkehrenden Geistes, halb geschmeichelt, aber abwehrend: „Ich soll wissen, wie ich ausseh!“ worauf er mit der Hand in die Brusttasche griff, eine braunlederne Zigarrentasche mit Metallrändern hervorholte, öffnete und sie Georg hinhielt, indem er die Klappe mit der Hand zurückbog.
„No — o, du rauchst doch ’ne Zigarre, Georg?“ sagte er, und, da Georg sein Zigarettenrauchen vorschützte, „no — was das schon heißen soll!“ — er wiegte wieder, seiner Sache gewiß, den Kopf — „ich weiß doch, was ich weiß!“ und lachte, da Georg jetzt zugriff, verschleimt und heiser, hustete sich aus — „siehst du wohl!“ mit triumphierendem Kopfschütteln und lachte vor sich hin, indem er, auf der Suche nach irgendwas, Papiere und Aktendeckel aufwarf, über der Tischplatte tastete und schließlich eine Streichholzschachtel und eine abgeschliffene, gelbliche kleine Zigarrenschere zum Vorschein brachte, — allein nur äußerlich, innerlich längst wieder bei seinen Sachen. Während Georg seine lange Zigarre beschnitt, nahm er selber eine, entzündete sie beide mit einem Streichholz, setzte sich breit und rund im Armstuhl zurück und schlug die Beine übereinander.
Das Gesicht des Malers erschien Georg, seltsam anders gegen dies soviel prächtigere; und, woher, mußte er sich fragen, kommt wohl dieses? — Er sah an der Wand von Doktor Birnbaums Wohnzimmer in Trassenberg die große, graue Vergrößerung einer Photographie des Vaters Birnbaum, der Synagogenhüter gewesen war, aber sein Gesicht mit wallendem, lockigem Vollbart glich ungemein dem des Kaisers Friedrich: die Nase freilich würde von der Seite wohl den Haken gehabt haben, den Georg eben vor sich sah.
„No — Georg,“ fragte unterweil seine breite, etwas nasale Stimme, „was ist das mit Magda? Mir wird da gesagt — — was weiß ich?“ Er überließ seinen fragenden Augen das Ende des Satzes.