Georg nickte und lachte, sich erinnernd, daß von einer „Pelikanbowle“ die Rede gewesen war, und hörte im Enteilen noch seine Mutter ihm nachrufen, er solle Stiefel anziehn, da es gewiß noch naß in den Wiesen sei.

Über Treppen und Flure gestürmt, schöpfte Georg Atem auf einem Stuhl im Ankleidezimmer. Jetzt kam es, jetzt, jetzt! Alles stand in ihm still, Leere war, furchtbare Beklommenheit, die selig machte. Aufspringend, wühlte er sich in den Kleiderschrank und fand einen pfefferundsalzfarbenen Rock mit Taschen, Klappen, Riegeln und Hornknöpfen, den er anzog, während er mit dem Fuß die Türen zum Stiefelschrank öffnete. Eine Minute später stand er völlig besinnungslos auf dem Flur und suchte in allen Abgründen seines Gedächtnisses, was er vergessen hatte. Endlich fiel ihm das Teschin ein, er lief die Treppe hinab und durchs Billardzimmer in die Gewehrkammer, wo er sich dreimal im Kreise drehte, ahnungslos, was er hier wollte, das kleine Jagdgewehr in der Ecke stehn sah, einen Schrank aufriß, eine Handvoll Schrotpatronen heraus, und sie in die Tasche stopfte. Den Flur ging er langsam hinunter, jetzt in großer Furcht. Er merkte, daß er, das Gewehr in der Linken, eine Patrone in der Rechten, beständig beide miteinander verglich, ohne ihren Zusammenhang zu erraten, doch ging er ihm nun auf, er schob die Patrone in den Lauf, sicherte und hörte sich halblaut und zitternd murmeln, was er innerlich schon die ganze Zeit gemurmelt hatte: „Warum gabst du uns die tiefen Blicke ...“

Achtes Kapitel

Sonnenuntergang

In der Haustür am Ende des Flügels blieb Georg stehn; er mußte Atem schöpfen. Sieh, es dämmerte schon ... Still zog von rechts, vom Rasen her, der Sandweg vorüber, nach links zu den leeren Wiesen mit wenigen Baumgruppen hin. Gegenüber lag das Wäldchen stille und dämmrig; im Innern dunkelte es und wurde schon farblos. Hoch oben grünten noch die Wipfel, umrieselt, selbst verrieselnd, vom Licht. Georg ging nun vorsichtig um die Büsche und den Rasenstreif am Haus nach rechts, sah Annas lichtes Kleid drüben in der Dämmerung der Gebüsche, und von der Terrasse her den Maler über den Rasen kommen. Also tat Georg, als habe er es überaus eilig und fragte den Maler, vor ihm vorüberlaufend, zu seinem eignen Entsetzen, ob er auch mitwolle; er hörte ihn etwas von Kühen und „im Dunkeln ansehn“ murmeln, rief ihm albernerweise zu, er möchte die Kühe von ihm grüßen, und lief weiter, doch hatte ihn durch diesen seinen Zuruf eine bodenlose Lustigkeit und ein teufelsmäßiger Mut überfallen, die ganze Welt zu umarmen, — was verschlug darin ein kleines Mädchen wie Anna! — Die sagte, als er herankam: „Da kommt der Mäusemörder!“ und war scheinbar ebenso fidel wie er.

Während sie nun Seite an Seite die Allee hinabschlenderten, zerbrach Georg sich den Kopf, wie er es anstellen könne, sie — so ganz unauffällig, aus irgendeinem triftigen Grunde — beim Arm oder unterzufassen. Er mußte so tun, als ob irgendein Einfall ihn dergestalt erregte, daß er ihn herausschleudern und sie dabei zu fassen kriegen mußte, wie man so tut im Eifer des Gefechts, aber aus dem Nachdenken geriet er nur an die Frage, wie wunderlich das sei, daß er heute und jetzt einen Grund brauche, sie anzurühren, während früher ... Da riß er sich zusammen, wollte eben hervorstoßen — und ihren linken Ellbogen, der schon fast seine Brust berührte, so dicht ging er hinter ihr, erfassen —: Weißt du eigentlich, Anna, daß ich Herzog werden kann? Allein, im letzten Augenblick noch besann er sich und dachte, er behalte es besser für sich, bis sie ihm ganz gehöre, — und außerdem — dies alles schien ihm im Augenblick so unglaubhaft, so entlegen und auch so nebensächlich, daß er schwieg.

„Warum hast du denn eigentlich diesem Maler eine Rose geschenkt, he?“ fragte er plötzlich zu seinem eigenen Erstaunen. Welch verfängliche Frage!

Sie blieb stehn und sah ihn an. Den Ausdruck ihres Gesichts verstand er nicht. Er schien so, als sei er nicht fertig geworden, Ansatz nur zu allem möglichen, liebevoller Vorwurf vielleicht, oder auch Spott ... Sie schwieg aber, warf die Schultern ein wenig und ging weiter, ja — und nun war der Frost und die Angst, — alles war wieder da.

„Hast du ihn denn nicht auch gern?“ hörte er sie jetzt fragen und erschrak süß über die Verschleiertheit ihrer Stimme, über die Abbitte darin und die Demut, — was alles ihn anduftete aus ihrem unsichtbaren Gesicht, das sie abgewandt hatte von ihm, ohne es dabei aus seiner graden Richtung nach vorn zu bewegen ...

„Gern?“ fragte er mit rauher Stimme. „Ach Anna —“