Jetzt, da wars! Er packte ihren Ellenbogen, den sie augenblicks krümmte, um die Hand an den Halsausschnitt zu legen, so daß sie im selben Nu untergefaßt gingen, während er eifrig und erregt redete:
„Weißt du, Anna, was ich an Bogner gelernt habe? Sag, hast du ihn wohl lächeln gesehn? Ja, aber hast du auch gesehn, daß er zwei Lächeln hat?“ Sie schüttelte sacht den Kopf. „Eins mit dem Munde und eins mit den Augen, und das eine ist für die Leute, das andre für — also für seine eigene Seele, wenn sie lächeln muß, aber wie schön das ist, das hast du doch gesehn?“ Sie nickte.
Da waren sie am Gatter und blieben stehn. Vor ihnen lagen die ansteigenden Wiesen dunkel, ergraut, im Zwielicht, hinter dem der durchsichtige goldene Westhimmel stand, höher in brennendes Weiß und Gelb und langsam über Weiß und himmlisches Grün in lichtes Blau überschmelzend, und Georg sahs und trank den Geruch der feuchten Wiesen und Blumen, während er weiterhastete mit Worten, Leib und Seele durchströmt vom Gefühl ihres Beieinanderstehns in der Einsamkeit und Enge des Wiesenlandes, in dessen breites Fenster diese sanfte Unsterblichkeit verglühender Farben hingelagert war.
„Nun höre“, sagte er. „Ja Jensens — Johannes Vau, nicht Wilhelm! — also in Jensens Gletscher kommt das vor, wie der Mensch, der Urmensch zum ersten Mal lächelt. Er jagt eine Frau — sie sind noch ganz wild, weißt du, und fressen sich — und wie er sie niederwirft und schon den Mund aufreißt, sie zu beißen, da läßt er den Mund offen stehn, weil er auf einmal sieht, daß sie ein Weib ist und so schön, — und das, sagt Jensen, war das erste Lächeln, das dann beibehalten wurde: er zeigt die Zähne, zum Zeichen, daß er nicht beißt, nicht beißt, verstehst du, ungefähr so, wie man sagt: Hunde, die bellen, beißen nicht ...“
Da ging ihm der Atem aus. Hätte er nicht den Mund geschlossen, würden die Zähne aufeinander geschlagen sein, und auch von dem, was er noch sagen wollte, war keine Spur mehr zugegen, nur eine eisige Leere im Gehirn, während er merkte, daß sie sich von ihm losmachte, an das Gatter trat und die Arme darauf legte. Er wußte nichts, als ebenso zu tun, und konnte nach einer Weile fortfahren.
„Und siehst du nun, dies erste Lächeln, dies mit den Zähnen, das ist — sagen wir Zivilisation, der erste Anfang des Menschen. Das Lächeln in den Augen aber, das ja nicht er allein hat, sondern wir alle, — wir sind ja nur gewohnt, auch gleichzeitig mit dem Munde zu lächeln, ja —“ er trat näher zu ihr, — wie duftete auf einmal ihr Haar! — „ja, denke einmal nach, versuche einmal, wirklich zu lächeln, etwas Schönes zu denken und zu lächeln, dann tust du nicht wie auf der Straße, wenn jemand grüßt, der dich nichts angeht, daß du die Zähne zeigst, sondern es fängt in den Augen an, und sie ziehn sich zusammen, tus mal, tus doch mal ...“
Sie wandte langsam den Kopf herum, sah ihn an und lächelte. Ihre Lider zitterten, nun hoben sich bebend die Mundwinkel, schon wollte er sich darüber herstürzen, als sie plötzlich in helles Lachen ausbrach.
„Ja, du kannst bloß lachen!“ sagte er trotzig, warf die Flinte am Riemen von der Schulter und hängte sie mit Nachdruck über den Pfosten, indem er sich von Anna abwandte. Und so blieb er stehn.
„Bist du böse?“ hörte er sie nach einer Weile leise bitten. Erbarmungswürdiges Mitleid schnürte ihm die Kehle zu, aber er schwieg. Das Herz klopfte ihm im Halse. Was sie jetzt sagte, darauf kams an! — noch konnte er nicht, noch konnte er ...
„Soll sie da hängenbleiben?“ hörte er sie nach einer endlosen Minute mit gewöhnlicher Stimme fragen.