„Böse?“ fragte sie sinnlos und hob die Achseln. Auch ihre Stimme war halb erstickt. Und, o Gott, diese Bewegung der Schultern! Es übermannte ihn, — und wie sie atmete, so tief, so schwer, so unregelmäßig! Ach, noch nicht, noch nicht, noch diese Ewigkeit des Herankommens, des Zögerns, des Ahnens! Ihr Haar zu sehn, ihren Mund, in dem es zuckte, ihre Augen so von der Seite, den Blick darin, ihre Nase, ihre Wangen, in denen das Licht erlosch! — Da erfaßte er leise wieder ihre Hand, sie ließ sie ihm, sie drückte sogar seine Finger, und er hätte die Besinnung verloren, wenn er nicht hätte bemerken müssen, daß er dachte: Jetzt! — wie Bogner beim Eisenbahnunglück, aber die Sekunden verrannen, verrannen, und nichts geschah, bis endlich sein Kopf vornübersank und die Lippen auf ihrer Schulter ein Ende fanden.
Warm, — wie warm war das! Nun? — nichts! Ach, nur so liegen, so müde, so zum Einschlafen müde ... Bewegte sichs? Das Warme, Feste unter seinen Lippen bewegte sich leise — für einen Nu durchzuckte ihn die Seligkeit, daß er sie küßte, und daß sie es geschehen ließ, daß sie sich küssen ließ von ihm! — die geschlossenen Lider zitterten ihm, er fühlte ihre Schulter steigen, fühlte jetzt auch an seiner rechten Schläfe eine Berührung, ein leises Kitzeln, einen Hauch, ihr Haar ... und nun drückte es sich zusammen, nun fühlte er ihre Schläfe, sie ruhte auf der seinen, ach, ach! Sie hatte den Kopf auf seinen herabsinken lassen! Da nahm er ihre linke Hand, die er mit der rechten hielt, in die Linke, suchte ihre rechte Hand hinter ihrem Rücken, fand sie, legte sie langsam auf ihre Hüfte, vorsichtig und voll rasender Angst, hob endlich ihren Kopf mit dem seinen behutsam empor und ließ ihn an seiner Wange vorüber auf seine Schulter sinken ...
Ach! — — da war es nun! Ihr Gesicht, da lag es an seiner Schulter, ganz nah dem seinen, ihm zugewandt, mit geschlossenen Augen und nichts, nichts auf der Welt, das solchen Duft ausströmte, solch einen Odem von Süße aus seiner Kühle, die sich betrachten ließ, — die süßesten aller Wimpern, die herabgesenkten Lider, alles, so nah, so nah!
Und furchtbar zusammenzuckend preßte er sie mit aller Kraft an sich und fühlte ihren Mund mit den Lippen, fest und ganz kalt, einen fremden Mund, den er küßte, so daß sein lange schon steigendes Geschlecht sich bäumte, während die fremden Lippen warm wurden und weich und schmelzend und sich lösten und wieder kamen und in die seinen vergingen und er darin versank und nichts mehr dachte.
Mondaufgang
Georg merkte, daß Arme um seinen Nacken geschlungen waren, und tauchte aus der Versunkenheit nach oben und in die Umarmung eines weiblichen Wesens. Also dies war die Ewigkeit ... Er fühlte ihre Glieder, die an ihm hingen, ihre Brust, ihre Knie, welche an die seinen rührten. Er konnte seine Augen wieder aufbringen, er küßte ihr ganzes Gesicht trunken hundertmal, aber keines war wie das erste. Plötzlich fühlte er sein Gesicht von festen Händen umgriffen, ihre Augen gruben sich in die seinen, überschütteten ihn mit einem Strom von Liebe, sie stammelte, die Lider sanken ihr, sie murmelte etwas von „fliegen“ und ruhte aus. Die Augen waren wieder zu im stillen Gesicht, Georg blickte darauf nieder, als ginge drinnen etwas vor, das er sehen könnte, und nun bewegte sich etwas unter den Lidern hervor, drängte die Wimpern empor, glitzerte und rann, ein Tropfen, und ebenso jetzt aus dem andern Auge, und schneller kamen immer mehr unaufhaltsam geflossen. Sie weinte ja ... Als aber Georg sich wunderte, warum das so glänzte und blitzte, und das Gesicht nach der See hinaus wandte, erschrak er vor einem ungeheuer großen, dunkelgelben Monde, dessen runde, vollkommene Scheibe aus dem schwarzblauen, unsichtbaren Grunde in die mattblaue Luft rollte, aber still hielt, als er hinsah. — Wieder wandte er sich zu Annas Gesicht und sah in einem runden Tropfen, der an der Wimper hing, deutlich des Mondes winziges Spiegelbild.
Sie ließen sich los.
„Gieb mir dein Taschentuch,“ sagte sie leise, „ich hab keins.“
Sie lächelte, als ers ihr reichte. Ja, da hatten sie auf einmal die Gebrauchsgegenstände gemeinsam. Waren sie so eines geworden, oder war es nur wie früher? ... Sie trocknete ihre Tränen, schneuzte sich und gab es zurück.
„Sieh, da ist ja der Mond“, sagte sie. —