„Und die Fledermäuse“, meinte er, da er einen Schatten durch den Mond huschen sah. Sie schaute ihn mit einem langen Blick an, warf sich ungestüm an seine Brust und brach in ein unendliches, schüttelndes Schluchzen aus.

Das ist so ... das ist so ... dachte Georg gerührt, ohne es ganz zu begreifen, streichelte leise ihr Haar und wunderte sich über den fleißigen Lornsen, der so spät noch die Mühle gehn ließ, die unfern im Norden stand, groß und schwarz in ihren riesig ausholenden Armen; gleichmäßig und eisern hieben sie im Kreis herum nach dem Monde, der sanft und ahnungslos oder jedenfalls unbekümmert dicht unter ihr heraufrückte und langsam golden und glänzend ward.

Annas Weinen ward ebenso langsam ruhiger und hörte endlich ganz auf.

„Frag nicht, warum ich weine,“ bat sie nachschluchzend, „ich weiß es selber nicht. Komm, wir müssen gehn.“

Er war nicht dieser Ansicht, widersprach aber nicht, trocknete ihr Gesicht selber mit dem Tuch, küßte sie, und dann gingen sie umschlungen als ein Liebespaar, das sie nun waren, in der Richtung der Mühle, rutschten zusammen den Deich landeinwärts hinunter, küßten sich, gingen weiter, krochen durch eine Hecke und küßten sich lange. Auch wenn einer von ihnen etwas gesagt hatte, küßten sie sich, aber als sie wieder durch eine Hecke gekrochen waren und sich, im Aufrichten stecken bleibend, geküßt hatten, fanden sie sich drei Schritte hinter Maler Bogner, der dort in der Dunkelheit ganz still saß, glücklicherweise mit dem Rücken nach ihnen, auf einem Stuhlstock, der Betrachtung von zwei Kühen hingegeben, von denen die schwarze mit dem breiten Rücken nach ihm hin im Grase lag, während über ihren Beinen die andre stand, mit großen, geisterbleichen Placken, die Kinnbacken in mahlender Bewegung, den großen, töricht hochfahrenden Blick des dunklen Auges auf den Maler richtend, ohne zu merken, daß der Mond es sich auf ihrem Rücken breit machte. Welch seltsame Erscheinung im Dunkel der Wiesen! Rechts dahinter schwang die große Mühle auf ihrer Anhöhe in mächtiger Lautlosigkeit die Arme herum.

Georg, einen Augenblick betroffen anhaltend, wollte Anna stillschweigend davonziehn, aber da lachte sie leise, der Maler sah sich um, — oder er wollte es tun, doch sah Georg, daß sein Gesicht nach rechts gewandt stehenblieb, wo die Pappelreihe nach der Mühle hin führte, und dorthin blickend gewahrte Georg vor den Bäumen in den Wiesen eine Gestalt, die sich bewegte, schwarzweiß, oben mit einem Hemd, unten mit schwarzen Hosen bekleidet. Sie warf die Arme, als ob sie der Windmühle nachahmte, lief und —

„Wer ist denn das?“ sagte Georg halb belustigt, „ist der verrückt?“

Der Maler stand auf und sagte: „Das ist doch al Manach.“

Indem stieß die Gestalt einen brüllenden Schrei aus, während gleichzeitig Georg sich am Arm ergriffen fühlte. Mit rudernden Armen, an denen die breitoffenen Manschettärmel flatterten, stürzte der Mensch auf die Mühle zu, laut schreiend und wahnsinnig. Der Maler setzte sich in Bewegung und lief, um ihm den Weg abzuschneiden, war aber ersichtlich zu weit entfernt, um zu verhindern — — ja, was denn, was denn? Wollte er in die Mühlflügel ...? Georg, noch immer verständnislos, starrte hin, der Maler lief wie ein Wiesel die Anhöhe empor, aber der Andre sprang in langen flatternden Sätzen gegen die Flügel hin, Georg erschrak, sie sausten wie schwarze Keulen herunter. Indem zerrte eine Hand an seinem Gewehrriemen, Annas Hand, die schon den Flintenkolben an die Schulter setzte, zielte und abdrückte. Klein und scharf peitschte der Knall und zerstiebte, oben warf die Gestalt im Rennen die Arme in die Höhe und brach zusammen, vornüber schlagend, während der eben heruntersausende Flügel mit sichtbarer Erleichterung an der andern Seite wieder hochschwang. Georg starrte das Mädchen an. Sie stand todblaß, schauderte, schwankte, schloß die Augen und fiel um. Er fing sie auf, ließ sie ins Gras gleiten, zog seinen Rock aus und bettete sie darauf. Sie lag still; wie eine abgebrochene Blume sah sie aus.

Georg blickte beklommen auf sie herunter. Er dachte, man müsse ihr Kleid öffnen, kniete neben ihr ins Gras, hielt aber inne, als seine Hand ihre warme Brust am Kleiderausschnitt berührte, — fast hätte er hineingegriffen. — Nun fing er langsam an zu verstehn. Sich umwendend, sah er oben undeutlich eine gebückte Gestalt, wohl den Maler. Was hatte sie denn getan? Geschossen, — aber wohl — — in die Beine geschossen ... Es war Schrot. Hatte sie das bedacht? Im einen Augenblick alles bedacht und ... Jählings entsetzt, sprang er auf und drehte sich schwindelnd. Etwas entfernt standen die beiden Rinder weit voneinander, drehten die Schwänze her und sahen sich um. Dann hob eine das Maul, ein dumpfer, klagender Laut kam hervor mit einem Stoß weißen Dampfs. Georg sah die Mühlenflügel groß und abgestorben herunterkommen und aufsteigen; sie begannen, vor seinen Augen sich zu vervielfältigen und zu flimmern, die Mondscheibe zog sich zu einer Reihe von ineinandergeschobenen, silberblanken Monden auseinander, und sein Blick fiel wieder auf die Liegende, die in ihrem blaßgrünen Kleid auf der dunklen Fläche lag, als sei sie vom Himmel gestürzt und er habe, zufällig des Weges kommend, sie hier gefunden.