Es ist ja wahr, schrie er innerlich, es ist wahr, sie hat es tun müssen, es ist ein Wahnsinn, was soll das heißen, wie kommt man auf so etwas, auf einen Menschen schießen, um ihn zu retten, und ich immer dabei, — aber sie mußte, sie mußte, es gab nichts andres, warum bin nicht ich darauf gekommen? Eben weil nicht ich verlangt wurde, sondern — verlangt? Ihm wurde unheimlich zumut, das Grauen schüttelte ihn jetzt, er warf bei erstickter Kehle den Kopf gegen den Himmel oben zurück und sah in der milchigen Blässe oben die Sterne, ein paar verlorene, weißlich flimmernde Tropfen. Er stammelte: „Anna! Um Gottes willen, Anna!“
Da schlug sie langsam die Augen auf, sah ihn seltsam erwacht und lange an, bewegte die Hand und hauchte: „Ist er tot?“
Georg warf sich neben ihr auf die Knie und schrie: „Nein! nein!“ Legte den Kopf in ihr Kleid und glaubte, weinen zu müssen. Dann kam er zur Besinnung, sprang auf und sagte, so fest er konnte:
„Sei ganz ruhig, mein Herz, ich trage dich nach Haus.“
Sie lächelte schwach, er richtete ihren Oberkörper ein wenig auf, nahm seinen Rock vom Boden, zog ihn an, bückte sich und nahm sie auf die Arme. Einen Augenblick verwundert, daß solch ein Mädchenleib so schwer war, merkte er doch gleich, daß er ganz leicht zu tragen war, und eine Sekunde empfand er seine Körperkraft tröstlich. Also trug er sie über die Wiese davon auf den Sandweg zu, den die Pappeln bis auf den Hof des Verwalterhauses geleiteten, kaum drei Minuten zu gehn. Unterwegs rührte sie sich einmal, legte die Arme um seinen Nacken und das Gesicht gegen seine Brust. Einmal mußte er sich mit dem Rücken an einen Stamm lehnen und eine halbe Minute ruhn. So erreichte er das Haus.
Auf der Bank neben der Tür saß die alte Domina, glatthaarig, stand wortkarg wie immer in derartigen Fällen auf und ging ins Haus und die Treppe voran in Magdas Zimmer, wo Georg sie auf das schon zur Nacht aufgedeckte Bett legte. Sie ergriff seine Hand und küßte sie schnell und leise, plötzlich flammte die kleine Stehlampe mit grünem Schirm neben Georg auf dem Nachttischchen auf, sie schloß geblendet die Augen, während Georgs Blick auf das große alte Bild an der Wand fiel, einen grauen Stahlstich, — er hatte ihn lange nicht gesehn, diesen Engel, der ein totes Kind zum Himmel trug. Die Erinnerung an Magdas Mutter, die ein halbes Jahr nach der Geburt eines Knaben fast mit ihm zusammen gestorben war, zog durch ihn hin, während er sie flüstern hörte, er möchte zur Mühle gehn und ihr Bescheid bringen. Seltsam, dies kleine Zimmer in der Dämmerung ... das große, weißlackierte Metallbett mit dem langen Nachthemd schräg darüber, auf das er das Mädchen gelegt hatte.
Draußen vor der Tür im Dunkel stand er noch eine Minute, angeatmet vom Reinen, Duftlosen dieses Raumes hinter ihm, der anders war, sonderbar anders als jedes Zimmer, das er je betreten hatte.
Rheinweinbowle
Auf dem offenen, nur von Gebüschen und ein paar Bäumen umringten Hofplatz blieb Georg stehn, trocknete sich die Stirn und bemühte sich, etwas zu denken. Der Mond, von hier aus gesehn, stand hinter der Mühle, die gewaltig schwarz, mit zwei stillstehenden Flügeln wie ein riesenmäßiger Hase in weißlichem Glanze saß, der hinter ihr vom Monde ausstrahlte; schwarz stieg die lange Pappelreihe, sehr ernste Gestalten, von der Anhöhe den Weg herab.
Also es trifft ein, eins nach dem andern trifft ein, sogar an einem Tage, — ja, wird es nun noch eine Feuersbrunst geben? dachte er beklommen. Und sogar zum zweitenmal dieser al Manach! — Da setzte das Denken wieder aus, es war totenstill umher, in den Bäumen oben raschelte es, als bewegten sich dort Vögel. Georg ging durch die helle Mondesdämmerung auf die Mühle zu und die eiserne, schwarze Linie des Horizonts, über der weißer Flimmer in gelbliche und rötliche Hauche verging, und bei der Wegbiegung sah er wieder den Mond dicht neben dem Mühlkörper, klein und reinsilbern. Am Fuße der Anhöhe wurden auf einmal zwei schattenhafte Gestalten sichtbar, eine kleinere, dunkle, jetzt mit weißer Brust, daneben eine lange, graue, die langsam weißlich wurde, der Müllerknecht, der den al Manach auf den Armen trug wie eben er die Anna; Bogner daneben im Frack. Als sie sich begegneten, blieben sie stehn, der Christian grinste verlegen und sagte: „Da bringen wir ihn gebracht!“ die Bürde wie ein Kind in den Armen höher rückend. Al Manachs Gesicht war wieder geschlossen und klein geworden. — Sie gingen nach Helenenruh zurück, schweigsam, nachdem der Maler erklärt hatte, der Schuß hätte sich über beide Unterschenkel ausgestreut, aber es sei wohl ganz ungefährlich und habe kaum geblutet.